Vor einigen Tagen hat die Belgrader Regierung das Tragen des Schleiers in Bosnien-Herzegowina verboten. Das Landesparlament in Sarajewo faßte einen entsprechenden Entschluß. Etwa 900 000 Muselmanen, das heißt die Frauen unter ihnen, sind von der Anordnung betroffen. Muselmaninnen, die weiter den Schleier

tragen, werden mit Geldstrafen bis zu 50 000 Dinar (das ist das Jahreseinkommen eines Arbeiters) und Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren bedroht. Wahrscheinlich werden andere Landesparlamente, vor allem das mazedonische, demnächst ähnliche Anordnungen treffen.

Als die Türken zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts ihre fünfhundertjährige Balkanherrschaft errichteten, brachten sie den Schleier mit, An die Religion Mohammeds vorschreibt. Und als sich im Laufe der Zeit viele Balkan-Slaven zum Islam bekehrten, begannen ihre Frauen sich zu verschleiern. Dabei blieben sie auch, als die Türken, selbst vor fünfundzwanzig Jahren den Schleier abschafften. Der Brauch, wie er sich in Bosnien entwickelte, schreibt vor, daß sich die Frau von ihrem vierzehnten Lebensjahr an vor jedem männlichen Blick durch Schleier und ein langes Gewand zu verbergen habe; nur vor den allernächsten Angehörigen und vor Knaben unter fünfzehn Jahren darf sie sich unverschleiert zeigen. Selbst der Bräutigam sieht die Braut nicht, ehe der Tag der Hochzeit unwiderruflich feststeht; er muß gewissermaßen die Katze im Sack kaufen. Auch vor Gericht entschleiert sich die Frau nicht.

Die Strenge dieser Sitte mag für die Aufrechterhaltung der Moral ihre Vorteile haben, sie ist indessen überaus nachteilig für die kulturelle Entwicklung der muselmanischen Frau, die den allergrößten Teil ihres Lebens streng abgeschlossen im Hause verbringt und in ihrer Schulausbildung stark gehemmt, von der Teilnahme am Leben ausgesperrt ist. Auf der anderen Seite wurde der Schleier, dessen Unverletzlichkeit jeder achten mußte, zu einem Deckmantel für allerlei Illegalitäten. Unter dem Schutz des Schleiers ließ sich trefflich der unversteuerte Tabak schmuggeln, hinter ihm vermochten sich Agenten und Spione zu verbergen, ja selbst zur Kaschierung von Liebesabenteuern wurde er gebraucht, von Damen, die meist gar keine Muselmaninnen waren.

Da die Mohammedaner in Bosnien und der Herzegowina überaus fromm und traditionsgebunden sind, hat sich die Belgrader Regierung den Schritt, den sie jetzt getan hat, lange überlegt. Aber schon seit einiger Zeit war eine lebhafte Propaganda festzustellen, die, wie bei den Kommunisten üblich, überall so aufgezogen war, daß Versammlungen von Muselmaninnen veranstaltet wurden, die selbst die Forderung nach Aufhebung des Schleiers erheben mußten. Die Regierung konnte sich dabei auf mohammedanische Kommunistinnen stützen, die bereits im Bürgerkrieg den Schleier abgelegt hatten und jetzt die Rufer im Streite waren. Schließlich setzte sich sogar das geistliche Oberhaupt der bosnischen Muselmanen, der Reiss-ul-Ulema, Ibrahim Fehitsch mit Namen, der diese Stellung erst unter Tito erlangt hat, für die Abschaffung des Schleiers ein.

Ebenso wie Kemal Atatürk den Schleier nicht so sehr aus kulturellen wie aus politischen Gründen abschaffte, geht es auch Tito weniger um den "Fortschritt" als um Politik. Die muselmanische Gemeinschaft hat sich bisher als sehr widerstandsfähig gegen kommunistische Zersetzung gezeigt. Der allergrößte Teil der Muselmanen hielt daran fest, daß Islam und Kommunismus aus moralischen Gründen unvereinbar seien. Daher ist die kommunistische Regierung stark daran interessiert, die islamische Gemeinschaft zu schwächen und aufzulösen. Das Verbot des Schleiers, der das sichtbare Zeichen einer abseits des Kommunismus stehenden Gruppe ist, soll diesen Prozeß einleiten.

Das romantische Bild, das die bosnische Hauptstadt Sarajewo mit ihren verschleierten Frauen, den türkischen Bazaren und Moscheen bis mitten in unser Jahrhundert hinein bot, gehört nun der Vergangenheit an. Schon längst haben die Händler in den Bazaren nichts mehr zu verkaufen. Jetzt fällt auch der Schleier. Wie lange werden sich die Moscheen im Reich des dialektischen Macerialismus noch halten können? H. A.