Köln, im Oktober

Daß die über seiner Rede stehende Frage weder Furcht noch Hoffnung wecken sollte, hat Carl Friedrich von Weizsäcker, der Göttinger Physiker, sogleich gesagt, als er in der Ersten Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Köln auftrat. Ihm lag weder an der Frage, wie weit werden wir es noch bringen, noch an der andern, wohin werden wir noch kommen? Statt eine prompte Prognose zu geben, analysierte er die Gefahren, die vor einer irgend erdenklichen Ankunft der Wissenschaft eintreten werden oder gar schon bestehen. Das in seinen Erfolgen ebenso zwingende wie unheimliche Gebilde der aus Europa erwachsenen Naturwissenschaft nannte er ein "wachsendes, unzerreißbares Gewebe von einzelnen Erkenntnisfäden die sich in Knoten vereinigen und verdichten".

Dies ist ein Bild und dennoch volle Realität, nicht entfernt bloß ein Gleichnis. Unzerreißbar! Also könnte die sich dichter und dichter knüpfende Erkenntnis ein New sein: und wir sind mitten darin. Das Netz aber schlingen wir selbst; wir haben es unter den Händen und können uns dennoch nicht über ihm erhaben fühlen. Diesen Doppelsinn hatte Weizsäcker im Blick, und darum sprach er mit gleicher Ruhe von Gewinnen wie von Gefahren der fortschreitenden Naturerkenntnis. Mindestens zwei Entwicklungen stünden uns noch bevor: die der Erkenntnis und Verwertung der Atomkernenergie und die der biologischen Technik. Also müsse er von Gefahren reden: hier lägen sie, und kleiner könnten sie nicht werden, da der weiterdrängende Fortschritt der Erkenntnis kein hemmendes Mittel gegen Gefahren in sich trage.

Wie Schlingen der Erkenntnis uns dienen können oder gefährlich werden – das ist keine "wissenschaftliche" und gleichwohl eine an die Köpfe der Wissenschaft gerichtete Frage, Dadurch, daß Weizsäcker ihr nachgeht, wird er in keine Metaphysik oder gar in Irrationalismus getrieben; er wird vielmehr zum Moralisten im großen Sinne jener wenigen, die, weil sie einem Sachgehalt auf den Grund gingen, eine Moral der Sache und der Zeit, die sie bestimmt, daraus hervorholen konnten.

Wohin auch immer die Wissenschaft uns führen wird, ihre wichtigste und tiefste Wirkung ist eine langsame Umgestaltung des menschlichen Bewußtseins, Damit sie ertragen wird, ohne uns zu verderben, kann nur ein moralischer Faktor helfen: die Selbstkritik – zunächst der Gelehrten, indem sie das Unentscheidbare nicht entscheiden und Irrtümer zugeben, sodann der andern, indem sie die Gelegenheiten, die die Wissenschaft eröffnet, nicht leichtfertig und in borniertem Stolze ausbeuten. Denn das erfuhren wir ja schon, wie die moderne Naturerkenntnis die Situation des Menschen verändert, etwa indem aus dem Krieg der Menschen ein Krieg der Fabriken wurde oder indem die Medizin, ursprünglich den Kranken helfend, eine den Ernährungsspielraum bedrohende Vermehrung der Menschen hervorrief, die umgekehrt zur Geburtenkontrolle treibt, welche hinwiederum dem Staat Gewaltsamkeiten erlauben könnte. Welche Beispiele auch immer man nennen möchte, sie variieren nur eine Grunderscheinung, eben die Verwandlung, die die Wissenschaft an den Dingen wie in den Köpfen bewirkt. Immer entsteht so neue Verantwortung.

Wie sollen wir uns helfen, da sich denn die Welt allmählich umgestaltet? Wiederum nur durch Verantwortung. Wir haben sie ohnehin. Ob und wie wir sie tragen wollen, wird uns keiner fragen; es sei denn, wir tun es selbst Doch wird keiner die Verantwortung leichter tragen, indem er etwa die Wissenschaft umzumodeln trachtet. Die vielberufene Gefahr der Spezialisierung kann niemand bannen. Denn: "Wissenschaft wäre nicht ehrlich, wenn sie nicht bereit wäre, speziell zu sein." Weizsäcker hält also nichts von einer bewußt hergestellten, zusammenfassenden Allgemeinheits-Halle der Wissenschaft. Desto mehr erwartet er von dem "Ring der Forscher". Jeder von ihnen müßte offen sein für das, was andere sagen, ebenso wie für Tatsache außerhalb seiner Spezialwissenschaft. "Ohne philosophisches Wirken wird hier nicht geschehen, was geschehen muß." Denn oft mag die Offenheit für Tatsachen behindert sein durch die Offenheit für Menschen, und umgekehrt. Nicht das Fach hilft da, zu entscheiden.

Ziehen wir den Kopf aus der Schlinge der Erkenntnis, so wäre es nicht Schläue, die so oft auf amoralische Weise dazu verhelfen hat, sondern zum ersten Male Verantwortung und Moral, die nichts von Schläue in sich tragen. Aber es ist ja auch das erstemal, daß aus Erkenntnis selber die Schlinge gesponnen ist, die uns Verderben bringen kann, nachdem sie uns lange als Prunkhalsband gefallen hat. Ihr werden wir nicht mehr – wie früher tausendfach, wenn alte Götter gestürzt wurden – durch List entkommen können.

Carl Linfert