Von Irene Seligo

Als Salvador Dali Mitte der zwanziger Jahre in seine spanischen Mondlandschaften kartenspielende Skelette malte oder radfahrende Muscheln mit Menschengesichtern in die sonnenfahlen Strandweiten seines heimischen Katalonien, war er befreundet mit dem Andalusier Federico Garcia Lorca. Lorca hatte damals von der Vielzahl seiner schon vollendeten Gedichte, die er wie ein mittelalterlicher Spielmann zu eigener Musik vorzutragen pflegte, erst einen schmalen Band drucken lassen. Die beiden jungen Spanier, an Wesen so verschieden wie die Landschaften ihrer Heimatprovinzen, ergänzten, beeinflußten, bewunderten einander. Der Maler besorgte 1927 die Ausstattung von Lorcas erstem Versdrama Mariana Pineda, und der Dichter veröffentlichte in Ortegas Revista de Occidente seine "Ode an Salvador Dali", die eine Art Programm seines eigenen Schaffens enthielt:

"... Ich rühme nicht Deine halbwüchsig unfertige Form noch Deine Farbe, die den Farben Deiner Zeit den Hof macht. Ich singe Deine Angst, o Begrenzter, ewig Begrenzter..."

Zuweilen forschten sie, zusammenarbeitend, nach dem "meßbaren Lichtgerüst" der Landschaft, von dem her das Unmeßbare illuminiert werden sollte – nicht dichtend oder zeichnend (obwohl Lorca auch dafür begabt war und um jene Zeit eine Ausstellung seiner Bilder in Barcelona veranstaltete), sondern mit dem photographischen Apparat, dem Dali "visionäre Eigenschaften" zuschrieb. Dali malte dann nach Lorcas Farbphotographien komplizierte Abstraktionen, und Lorca besang in seiner Ode "die gemeinsame Idee, die uns in dunklen und vergoldeten Stunden einte".

Die Wege der beiden trennten sich bald danach. Der Maler übersiedelte 1928 nach Paris und später nach Nordamerika, wo er sich so lange zu Hause fühlte, wie die mit Picassos Bürgerkriegsbildern begonnene Hochkonjunktur für revolutionäre Kunst währte (1948 versöhnte er sich mit Franco-Spanien und lebt seit kurzem wieder dort, wohlhabend und als Kuriosität respektiert). Der Dichter veröffentlichte etwas später im gleichen Jahr seine Zigeunerromanzen ("Romanceiro Gitano"), deren Echo unmittelbar einsetzte und bis in die analphabetischen Volksschichten reichte. Noch nicht dreißig Jahre alt, hatte er seine volle künstlerische Statur erreicht, blieb aber jünglinghaft naiv bis an sein frühes Ende. Zahllose südlich-gefühlsbetonte Freundschaften mit Musikern wie Manuel de Falla, Dichtern wie Manuel de Machado und Guillén, Schauspielern wie Buñuel und Margarete Xirgú, aber auch Bauern, Zigeunern, Stierkämpfern, immer neue künstlerische Einflüsse, die er unermüdlich aufsog und magisch verwandelte, erfüllten die kurze, überreiche, tragisch abgerundete Periode seiner Reife. Aber es blieb auch etwas von jenen Sehübungen mit Dali bei ihm zurück. Der photographische Apparat, die stählern genauen Meßinstrumente, mit denen Dali zu arbeiten liebte, hörten nie auf, ihn wie Zaubergeräte zu faszinieren. Und Dalis kahle, photographisch exakte Fabellandschaften erschienen ihm immer als ein Ausdruck seiner eigenen Suche nach dem faßbaren Zusammenhang von Wirklichem und Magischem – Kompaßrose und mystischer Rose – nach der spanischen Synthese zwischen Nüchternheit und traumwandelnder Entrücktheit. "Somnambule Romanze" heißt das berühmteste (auch das meistumrätselte) Gedicht aus dem Romanceiro Gitano, dessen Refrain: Verde que te quiero, verde. Verde viento. Verde ramas (Grün, wie liebe ich dich, Grün. Grüner Wind. Und grüne Zweige) jeder spanische Kleinbürger herzusagen beginnt, sobald der Name Lorca fällt.

Auch Lorca ging für eine Weile nach Nordamerika, aber es litt ihn nicht lange dort. Das Entsetzen, das die Maschinenwelt ihm einflößte, fand seinen Ausdruck in Oden und Dramen, in denen er kaum noch deutbare Bilder ineinanderwirkte.

"Des Monds Geschöpfe riechen und umrunden ihre Hütten.