Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten meint, daß nichts schlimmer sei als ratlose Angst. Und deshalb soll die Bevölkerung aufgeklärt werden. Nun, das offizielle Handbuch, das zweifellos das maßgeblichste Werk der Weltliteratur über die Wirkungen von Atomwaffen und die Mittel zu ihrer Begegnung ist, schildert zunächst die sofort sichtbaren Erscheinungen einer A-Bombenexplosion, die allerdings in einer so unvorstellbar kurzen Zeit auftreten, daß es selbst unter Zuhilfenahme empfindlichster Fotogeräte bisher nicht möglich war, alle Vorgänge lückenlos festzuhalten. Erst jetzt, nach dem der Direktor des Optischen Instituts der Universität Rochester eine Filmkamera vorführte, die bis zu zehn Millionen Aufnahmen in einer Sekunde machen kann, wird es möglich sein, genaueste Aufnahmen von einer Atombombenexplosion anfertigen zu können.

Die bei den Betrachtungen des Handbuches zugrunde gelegte Atombombe ist das Modell "T", das bei dem Trinis-Versuch am 16. Juli 1945 in Alamogordo erprobt und über Hiroschima und Nagasaki abgeworfen wurde. Diese Bombe hat die Explosionskraft von zweitausend "normalen" Sprengbomben des letzten Krieges, die von den Amerikanern als "Wohnblockknacker" bezeichnet wurden. Die im Augenblick der Explosion erzeugte Temperatur, die bei der gewöhnlichen Sprengbombe etwa 5000 Grad Celsius beträgt, erreicht bei der Atombombe die Höhe von einer Million Grad. Dies aber hat zur Folge, daß etwa ein Drittel der Gesamtenergie der Bombe in Form von elektromagnetischen Strahlen frei wird. Und diese Strahlen tragen wesentlich zu der vernichtenden Wirkung bei. Auch die bei der Atomzertrümmerung auftretende "Kernstrahlung", deren gefährlichste Produkte die den Röntgenstrahlen ähnlichen Gammastrahlen und die Neutronen sind, vermehrt die zerstörenden Wirkungen der Atombombe. Ein großer Teil der thermischen Strahlen wird zunächst von der Luft absorbiert –: die Luft wird bis zur Weißglut erhitzt. Damit ist der Augenblick gekommen, in dem – einige Millionenbruchteile einer Sekunde nach der Explosion – eine leuchtende Masse, der sogenannte "Feuerball", sichtbar wird, der mit größer werdendem Umfang schnell an Temperatur, Druck und Leuchtkraft abnimmt. Die Leuchtkraft ist anfangs bei einer Beobachtungsentfernung von neun Kilometern etwa zweihundertmal stärker als die der Sonne, an der Erdoberfläche gemessen. Nach etwa 15 Millisekunden ist der Radius des "Feuerballes" etwa 100 Meter lang. Die Oberflächentemperatur ist auf 5000 Grad gesunken. So wie der "Feuerball" wächst, so entwickelt sich in der Luft auch die Explosionswelle. Eine Sekunde nach der Explosion hat der "Feuerball" seinen längsten Radius von 150 Meter erreicht. Nach 10 Sekunden, in denen der "Feuerball" etwa 500 Meter gestiegen ist, hat die Explosionswelle vier Kilometer zurückgelegt und damit die Region größter Zerstörungen durchlaufen. Jetzt ist auch die Leuchtkraft des "Feuerballes" nahezu erloschen. Jetzt hören auch die Ausstrahlungen von Gammastrahlen und Neutronen auf.

Bald nach der Explosion der Bombe kann ein violettfarbenes Glühen beobachtet werden. Dieses Glühen ist auch noch in einer pilzförmigen Dampf- und Rauchsäule sichtbar, die sich nach dem Verschwinden des "Feuerbalks" bildet und die aus Wassertröpfchen, radioaktiven Oxyden der Zertrümmerungsprodukte und – je nach der Höhe der Explosion über dem Erdboden – aus Staub und Trümmern besteht. Diese Wolke hatte eine Höhe von 13 000 Meter in Alamogordo und von 20 000 Meter in Nagasaki. Nachdem sie die Endphase ihrer Entwicklung erreicht hatte, blieb sie noch mehr als eine Stunde sichtbar, bis sie von Winden aufgelöst wurde. Kollidieren die radioaktiven metallischen Oxydteilchen in dieser Wolke mit den Staubteilen, so haften sie aneinander. Infolgedessen werden die Staubteile radioaktiv. Sobald nun die durch die Explosion hervorgerufenen Erschütterungen der Luft vorüber sind, fallen die radioaktiven Staubteilchen auf die Erde zurück. Dieser Vorgang wird als "Niederfall" bezeichnet; er hatte bei Explosionen, die in etwa 700 Meter Höhe über dem Erdboden stattfanden, wie zum Beispiel in Hiroschima, Nagasaki und bei dem Table-Versuch in Bikini, keine erkennbaren schädlichen Wirkungen. Explodiert jedoch die Bombe dicht über dem Erdboden oder über einer Wasseroberfläche, so muß der "Niederfall" als eine Gefahr betrachtet werden: soviel ist inzwischen gewiß.

Die einzige Unterwasserexplosion einer Atombombe wurde bei dem Baker-Versuch in Bikini durchgeführt, wo die Bombe in einer 70 Meter tiefen Lagune zur Explosion gebracht wurde. Bei dieser Unterwasserexplosion bildete sich ebenso wie in der Luft ein "Feuerball". In dem Augenblick, in dem er die Wasseroberfläche erreichte, erlosch jedoch seine Leuchtkraft. Die sich entwickelnde Explosionswelle hatte sich sehr schnell ringförmig, auf der Wasseroberfläche erkennbar, ausgebreitet. Nach dem Erscheinen dieses Ringes bildete sich eine gewaltige hohle Säule von Wasser und Wasserstaub, die als die "Feder" bezeichnet wird. Auch diese "Feder" hatte abschließend einen "Pilzhut". Man hat geschätzt, daß die Wände der "Feder" ungefähr 100 Meter dick waren und daß sie aus einer Million Tonnen Wasser bestanden. Die Gewalt und die Schnelligkeit, mit der sich die "Feder" bildete, konnte an Hand von Aufnahmen deutlich gemacht werden: Auf einem dieser Bilder sieht man in der rechten unteren Ecke einen kleinen dunklen Fleck. Und dieser Fleck ist das 33 000 Tonnen große Schlachtschiff "Arkansas", das aus dem Wasser geschleudert worden war und für den Bruchteil einer Millisekunde senkrecht in der Luft stand, ehe es auf den Grund der Lagune sank. Eine zweite Aufnahme, die nur eine Millisekunde später gemacht wurde, zeigt von der "Arkansas" keine Spur mehr. Als die Wasser- und Gischtsäule der "Feder" wieder in die Lagune zurückgefallen war, bildete sich auf der Oberfläche eine gigantische Nebelwelle von ungefähr 350 Meter Höhe. Diese dichte Nebelwelle ist der Beginn der sogenannten "Basiswelle". Es handelt sich um eine dichte Wolke von flüssigen Tropfen, die die Eigenschaft hat, so zu fließen, als sei sie eine homogene Flüssigkeit. In Bikini entfernte sich diese "Basiswelle" mit hoher Geschwindigkeit und erhob sich allmählich von der Lagunenoberfläche. Nach fünf Minuten sah sie wie eine große Strato-Kumulus-Wolke aus, die schließlich einen Durchmesser von mehr als 1000 Meter erreichte. Aus dieser Wolke entwickelte sich ein starker Regen, der bis ungefähr eine Stunde nach der Explosion andauerte. In seinem ersten Stadium enthielt der Regen kleine Wassertropfen, die in gewissem Sinne dem "Niederfall" bei einer Explosion in der Luft entsprechen. Wegen ihrer Radioaktivität kann die "Basiswelle" auf eine Entfernung von mehreren Kilometern zu einer ernsten Gefahr werden.

Von allen zerstörenden Kräften einer in der Luft explodierenden Atombombe aber ist die Sprengwirkung der Explosionswelle am stärksten. Auf Grund der in Japan gemachten Erfahrungen ist es möglich, Schlüsse über die voraussichtlichen Zerstörungen und Beschädigungen innerhalb der verschiedenen Entfernungen von dem auf den Erdboden projezierten Mittelpunkt der Explosion – dem "Boden-Nullpunkt" – zu ziehen. Darnach ergeben sich folgende Zonen der Zerstörung:

Zone I ist das Zentrum der Explosion. Sie umfaßt ein Gebiet, das sich mit einem Radius von 800 Meter um den Boden-Nullpunkt erstreckt. In ihr tritt eine vollständige Zerstörung ein. Die anschließende Zone II reicht bis zu einer Entfernung von 1600 Metern vom Boden-Nullpunkt. In diesem Gebiet werden alle Gebäude so stark beschädigt, daß sie entweder zusammenstürzen oder aber Einsturzgefahr besteht. In Japan ergab sich in dieser Zone bis zu einer Entfernung von 1000 Metern eine völlige Zerstörung aller Gebäude mit Ausnahme der verstärkten, erdbebenfesten Eisenbetonbauten. Bis 1300 Meter waren verstärkte Beton-Schornsteine umgelegt. Ziegelsteinwände von 45 cm Stärke wurden vollständig zerstört. Dachziegel schmolzen durch die Hitze. Bis 1600 Meter rissen Ziegelsteinwände von 30 cm Stärke. Schwere Beschädigungen der Stahlrahmen führten zur Zerstörung von Stahlrahmen-Gebäuden. Leichte Betonhäuser brachen zusammen. Die anschließende Zone III reicht bis zu einer Entfernung von 2600 Metern vom Boden-Nullpunkt. In diesem Gebiet werden mittelschwere Beschädigungen an Gebäuden hervorgerufen, die eine Wiederbenutzung unmöglich machen. In Japan ergaben sich bis 2000 Meter schwere Beschädigungen, insbesondere an Stahlrahmen-Gebäuden. Mehrstöckige Häuser aus Ziegelsteinen wurden vollständig zerstört. Bis 2600 Meter traten schwere Zerstörungen von Wohnungen ein. Die Blätter von Bäumen verdorrten durch die Hitze. – Zone IV erstreckt sich bis etwa 3500 Meter vom Boden-Nullpunkt. In dieser Zone treten mehr oder weniger große Teilschäden auf. In Japan ergaben sich bis 3000 Meter große Verputzschäden. Bis 3300 Meter war die Mehrzahl der Häuser noch durch den Luftdruck beschädigt. Viele Brände entstanden durch die Explosion von leichtentzündlichem Material. – Zone V reicht bis 13 Kilometer vom Boden-Nullpunkt. In dieser Zone treten leichte Beschädigungen ein, in der Hauptsache Verputz-, Türen- und Fensterschäden. In Japan ergaben sich bis 3600 Meter Beschädigungen an Dächern und Wandbekleidungen in Stahlrahmen-Gebäuden. Bis 4000 Meter traten viele Fensterrahmen- und Türenbeschädigungen und ein mäßiger Verputzschaden auf. Bei 13 Kilometern war die Grenze des leichten Schadens erreicht.

(Wird fortgesetzt)