Von Herbert Fritsche

Am 12. Oktober wäre Aleister Crowley 75 Jahre alt geworden; er starb 1947 in London. Sein Lebensweg, der in Leamington, Mittelengland, begann und nicht nur kreuz und quer über unseren Planeten, sondern auch durch alle Winkel, Wirrnisse und Weihen magischen Konquistadorentums wetterleuchtete, mutet wie ein großes, grelles Autogramm in der Chrorique scandaleuse des Diesseits und des Jenseits an.

Schon vor dem ersten Weltkriege werden in England die drei Bände seiner "Gesammelten Dichtungen" veröffentlicht; er ist der Ubersetzer Baudelaires ins Englische. Aber als Bergsteiger kommt er zu Ruf und Ruhm. Zuerst ersteigt er das Matterhorn, den Dent Blanche und die höchsten Berge Mexikos, dann 1902 den Chogo Ri im Himalaja, wo er 65 Tage auf dem Baltoro-Gletscher zubringt, schließlich 1905 den Kantschindschinga. William Butler Yeats und Auguste Rodin sind seine Freunde. Auch als Maler seltsam lodernder Bilder kann er es zu Kollektivausstellungen in verschiedenen Weltstädten bringen, so 1931 in der Galerie Neumann-Nierendorf in Berlin, deren Inhaber im Einleitungstext des Katalogs über ihn schreibt: "Ein mächtiger, fast schwerfällig wirkender Mann von ruhigem Phlegma, eher einem jovialen Landedelmann ähnlich als einem dämonenumwitterten Visionär ... Im Vergleich zu Menschen ähnlichen Rufes (etwa zu Rudolf Steiner, Miß Besant, Krishnamurti) wirkt Crowley fast bürgerlich-behäbig." Der Kunsthändler fixiert diesen Eindruck, weil er sofort nach Erscheinen einer Pressenotiz über die bevorstehende Crowley-Ausstellung allerseits von Warnungen vor dem "schwarzen Magier" umschwirrt wird. Dieser selbst bleibt auch in Berlin seinem Grundsatz treu, Anstoß zu erregen: Er porträtiert die Inhaberinnen eines zweifelhaften Klublokals und präsentiert das Bildnis den Ausstellungsbesuchern.

Schon vor der Jahrhundertwende aber erblüht in ihm das eleusinische Feuer, und er beginnt gemeinsam mit Allan Bennet – der später als buddhistischer Mönch und Philosoph unter dem Namen Bikkhu Ananda Metteya bekannt wurde – eine magische Schulung. In dem "Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung", der sich gegen Ende des Jahrhunderts konstituierte, nimmt er den bezeichnenden Namen "Frater Perdurabo" an: "Ich werde ausharren!" 1899 kauft er das schottische Gut Bolskine, um dort ein recht unheimliches Ritual zu zelebrieren, das aus einer alten, "Abramelin dem Magus" zugeschriebenen Schrift stammt. Crowley baut in das Haus zwei "Tempel" ein, einen mit Spiegeln ausgelegten "weißen" und einen "schwarzen", in dem ein von einer Negerplastik getragener Altar steht. Die mit Abramelin in Zusammenhang stehenden Dämonen warten nicht, daß man sie ruft; sie kommen ungerufen. Noch lange nach Beendigung der Abramelin-Operation fallen Besucher dies Hauses in Ohnmacht oder Krämpfe.

Im Anschluß an diese magische Feuertaufe reist Crowley nach Mexiko, wo er mit dem weltberühmten Bergsteiger Oscar Eckenstein zusammentrifft. Auch Eckenstein ist Okkultist und bringt seinen jüngeren Freund zunächst von aller Magie ab. Er unterweist ihn in Yoga-Exerzitien, die Crowley einige Zeit später in Indien bis zur Vollendung erübt. Jetzt weiß er, daß Mystik aller Magie, aller Weltverwandlung mittels okkulter Methoden vorangehen muß, wenn der Magier mehr sein will als ein Spielball von Kräften, die er nicht beherrscht. Von Indien reist Crowley, der im Jahre zuvor geheiratet hat, 1904 nach Ägypten. In der Grabkammer der Cheops-Pyramide beginnt er wiederum magisch zu experimentieren. Dabei fällt seine Frau in eine Art Trance und führt ihn, den zunächst skeptisch Staunenden, zum Boulak-Museum vor die Totentafel eines Priesters, der rund 550 Jahre v. Chr. lebte. Crowley fühlt sich zu Evokationen gedrängt, baut einen neuen "Tempel" und schreibt am 8., 9. und 10. April 1904 das "Liber Legis" nieder, das "Gesetz von Thelema", dessen Text er als den "magischen Imperativ des kommenden Äon" wertet: sein ganzes späteres Werk wird zu einem einzigen Kommentar der Offenbarung dieser drei Tage.

Crowley hat eine reiche magische Literatur hinterlassen. Sie wirbt keine Anhänger, sondern ist – wie die Yoga-Sutras des Patanjali oder der Tao-Te-King des Laotse – Unterweisung: Unterweisung bis ins Detail und ohne Rücksicht auf anderes als auf das Erreichen des hohen Ziels magischer Souveränität, des wachbewußten Umganges mit dem Schutzengel bis zur Vereinigung mit ihm. In Deutschland lebt Crowley, der merlinesk-massive Zauberer und Ketzerfürst, nur im Gedächtnis kleiner Kreise als legendenumschauerter Abenteurer fort, während man in der übrigen Welt von ihm weiß, daß er ein Faustus unserer Tage war. Als ihn zu Beginn seines dreiundsiebzigsten Lebensjahres nicht der Teufel holte, sondern unser aller Freund Hein, war die Erde um ein menschliches Mirakel ärmer, dessen weiterglimmende Wegspuren den einen Gefährdung, den andern Verheißung bedeuten.