Von Kyra Stromberg

Wir Deutschen haben ein merkwürdiges Verhältnis zu allen Dingen, die die "Öffentlichkeit" ausmachen; womit bei weitem nicht nur die politischen Angelegenheiten gemeint sind.

Daran hat sich, trotz redlicher Bemühungen, auch nach dem Kriege nichts geändert. Wer sich bei uns um die öffentlichen Dinge kümmert, wer etwas auf eine öffentliche Meinung gibt, kurz wer in die Öffentlichkeit geht, ohne darin ein "Amt" zu haben (aber auch wer ein solches hat), geht immer ein wenig "auf die Straße". Der solide Fachmann, der von seiner Spezialarbeit nicht aufschaut, ist immer noch das geliebte und gehegte Ideal. Sinnbild für diese Anschauung kann jeder tüchtige kleine Fabrikant aus dem westlichen Industriegebiet sein, der nichts kennen will als "Eisen und ordentlichen Broterwerb", der mit saurem Schweiß seiner Familie den "häuslichen Herd" schafft und jedem gleich Tüchtigen das gleiche gönnt; jene private Sphäre, in die man sich bei uns um so lieber zurückzieht, je mehr die allgemeinen Angelegenheiten (wiederum nicht nur die politischen) unserer Teilnahme bedürften.

Die Überschätzung des Privaten besteht allerdings nicht nur in dieser handgreiflich-materiellen Form. Man findet sie in der geistigen Schicht als betonte "deutsche Innerlichkeit", als Glorifizierung der Weltfremdheit. Wobei freilich zu bemerken ist, daß sich die jüngere Generation – ohne ihre Anschauungen immer klar zu formulieren – anders und positiver zum "öffentlichen" verhält. Jener Überschätzung des Privaten legt in jedem Falle die redliche, aber irrige Auffassung zugrunde, daß es ja für alles "Fachleute" gibt; daß eine Spezialapparatur für die öffentlichen Angelegenheiten existiert, auf die man sich verläßt, obwohl man ihr auf das heftigste mißtraut und sie meistenteils mißbilligt. Zur Erklärung für diese Unlust am öffentlichen Leben wird gern auf die historischen und auch zeitgenössischen Enttäuschungen hingewiesen. Zweifellos gibt es auch gegenwärtig vieles, das nicht zum Schritt in die Öffentlichkeit ermuntert. So ist zum Beispiel eine geminderte Souveränität nicht immer zuträglich für das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten. Ganz zweifellos aber gibt es auch innerhalb einer nur teilweisen Souveränität genügend Dinge, um die jedermann sich kümmern, die er durch Kenntnis und Anteilnahme bessern könnte. Fragen des Wohnungsbaus, der Erziehung, der Berufsausbildung, der Gesundheitspflege, des Verhaltens der Beamten auf Ämtern sind für die meisten tägliche Ärgerrisse, über die man sich verkehrterweise nur in der privaten Sphäre Luft macht, zu denen man allenfalls – und das noch selten – einen Leser- oder Hörerbrief schreibt. Wem ein öffentliches Ärgernis nicht an den Lebensnerv geht, der überlaßt es denen, die keinen eigenen Herd, kein geborgenes Privatleben mehr haben, den Entrechteten und Radikalisierten also, sich seiner anzunehmen, ihm auf den Grund zu gehen, sich dagegen aufzulehnen.

Zu den obenerwähnten redlichen Bemühungen im ein besseres Verhältnis zwischen dem Privaten und dem öffentlichen gehören die "Gesellschaften für Bürgerrechte oder bürgerliche Freiheiten", die sich seit etwa einem Jahre allenthalben konstituieren. Bei einer Tagung in Frankfurt, die kürzlich alle diese Vereinigungen zusammenführte; ließ sich ein bemerkenswert nüchterner, "unhymnischer" Sinn feststellen, um ein Von Professor Eschenburgs zu gebrauchen. Außer einer offenen Kritik an einem Teil der Besatzungspraxis (Dr. Hedwig Mayer), außer der äußerst schwierigen Frage, welche Freiheit den Feinden der Freiheit zu gewähren sei (Professor Grewe und Dr. Wyneken), stand die Frage einer rechtzeitigen Erziehung zur Öffentlichkeit in Haus, Schule und Berufsausbildung zur Diskussion; nicht die spielerische Übertragung politischer Formen auf den "Hausgebrauch", sondern eine Übung in menschlichen Elementarfunktionen wie Unterscheiden, Wählen, Entscheiden (Professor Eschenburg und Professor Wenke, Tübingen). Democracy begins at home ist, bei allem Mißtrauen gegen die heutige Demokratie, ein unanfechtbarer und mit einigem Glück in den angelsächsischen Ländern realisierter Grundsatz.

Einen vorwiegend pädagogischen Akzent hatte auch die Arbeitswoche "Publizistik und Erwachsenenbildung" in der "Bildungsstätte Fredeburg", zu der das Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen eingeladen hatte. Sie hat einen "internen" Wert, und es war gewiß ein guter und kluger Gedanke, Film-, Funk- und Fernsehfachleute, Zeitungswissenschaftler, kirchlich gebundene Publizisten, freie Journalisten, Redakteure sowie in- und ausländische Referenten mit Leitern und Lehrern von Volkshochschulen zusammenzuführen. Die jüngeren Kräfte der Volkshochschule (auch die lebendigen älteren) haben heute das lebhafte Bestreben,, den Sinn für die Gegenwart und die öffentlichen Angelegenheiten zu stärken. Sie verfügen noch über eine konkrete Gemeinschaft, die der Publizistik in zunehmendem Maße fehlt. Die Gruppe, wann und wo sie sich überhaupt noch bilden läßt, empfiehlt sich als eines der wenigen effektiven Gegenmittel gegen die Masse. Aber auch sie bedarf zeitgemäßer Mittel zur breiten und raschen Kommunikation. Es kommt darauf an, ein Publikum zu bilden, ein öffentliches, in mancher Hinsicht unterschiedenes, spannungsvolles Ganzes.

Es gilt also, überhaupt erst etwas zu schaffen, was meistens vorausgesetzt wird. Das kann vermutlich nur gelingen, wenn wieder ein Bewußtsein davon vorhanden ist, daß die anonyme Öffentlichkeit sich aus konkreten Einzelwesen zusammensetzt und daß das Verhalten jedes einzelnen, sobald er das "Private" verläßt, sobald er also aus sich heraus geht, Wesen und Wert dieser Öffentlichkeit bestimmt.