Atomwaffe – ein Wort des Schreckens, zugleich den meisten Europäern ein vager Begriff. Amerika aber besitzt das Geheimnis, hat Atombomben, Atomspionskandale und hat nicht nur konkrete Vorstellungen von der Furchtbarkeit der neuen Waffen, sondern auch von gewissen Möglichkeiten einer Abwehr. "Luftschutz" im Zeichen des Atomzeitalters! So hat das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten gemeinsam mit der Atom-Energie-Commission (AEG) vor kurzem ein Handbuch über die "Wirkung von Atomwaffen" herausgegeben. Auf diesem Buch, das in Amerika Aufsehen erregt hat, fußen die meisten der Angaben, die "Die Zeit" heute zu veröffentlichen beginnt. Vorab schildert unser CT-Korrespondent in New York, wie der amerikanische Alltag auf die Besorgnis reagiert, daß aus dem Korea-Konflikt ein neuer Weltkrieg entstehen könnte, mit neuen Waffen, neuen Ängsten ...

ct, New York, im Oktober

Ab Montag, acht Uhr früh, ist sowohl der Polizei als auch der Feuerwehr die Benutzung von Sirenen an ihren Fahrzeugen verboten – außer im Falle eines Luftangriffes auf die Stadt New York." Nach dieser Erklärung, die kürzlich der Direktor für die Zivilverteidigung abgab, kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß sich New York ernsthaft auf einen Atombombenangriff vorbereitet. Ja, es muß New York ernst damit sein, denn anders könnte man von der sirenenfreudigen hiesigen Polizei und Feuerwehr nicht verlangen, ihr heißgeliebtes Spielzeug zu opfern. Die Feuerwehrmänner und Polizisten dürfen jetzt zwar jeden beliebigen anderen Lärm machen, dürfen pfeifen Und klingeln, ja sogar ganz neue Geräusche für ihre Fahrzeuge erfinden. Mit der Sirene aber ist es aus.

Die Abschaffung der Sirenen ist tatsächlich New Yorks erste Maßnahme auf dem Gebiet der Zivilverteidigung. Ich sage Sirenen, nicht Sirene, denn ihrer waren viele. Da war die ganz hohe, kreischende, die beispielsweise den Präsidenten von Brasilien begleitete, wenn er zum Besuch nach New York kam. Ob er vom Flugplatz La Guardia in die Stadt, den Broadway herunter in die Wall Street, ob er den West Side Highway herauf oder die Fifth Avenue entlang fuhr – vor seinem Auto, hinter seinem Auto, kreischte es von den Motorrädern der Polizeieskorte. Dies war sozusagen die Sirene d’honneur, die der Bevölkerung ankündigte, daß ein prominenter Gast, ein V.I.P. – "very important person" – des Weges kam. Da war die dunkle, vorwurfsvolle, gutturale, unerbittliche Sirene, die plötzlich unheilschwanger neben einem aufgurgelte, wenn man im fröhlichen 60-Meilen-Tempo, also unter Nichtachtung der Geschwindigkeitsgrenze, den Parkway entlang fuhr. Da war ferner die atemlose, hektische, pfeifende Sirene der Ambulanz. Und da war die Sirene der New Yorker Feuerwehr, die zuweilen und besonders in der Nacht, ganz wie "echter Vollalarm" klang. Ich wage zu behaupten, daß viele Feuerwehrleute nicht aus Liebe zu ihrem Beruf, sondern aus Liebe zu ihrer Sirene so berufsstolze Männer sind. Das Feuer mochte groß, klein oder gar nicht vorhanden sein – der Lärm der Sirene war immer gleich durchdringend, ohrenbetäubend, markerschütternd. Kurzum, daß alle diese Sirenen verstummen mußten, ist das erste für die große Öffentlichkeit erkennbare Zeichen der neuen Epoche, der "Atom-Epoche". Das zweite die Bevölkerung erregende Zeichen aber ist das Handbuch, das die Atomic Energy Commission herausgegeben hat und dem jeder entnehmen kann, auf wieviel verschiedene Arten er durch Atomwaffen vernichtet Verden kann. Das Buch ist auf dem Wege, ein Bestseller zu werden. Schon heute teilt sich "The Effects of Atomic Weapons" mit einem anderen Buche den Bestseller-Ruhm, das – oh, demokratisches Amerika – "The Little Princesses" heißt und die Erinnerungen von Marion Crawford, der Gouvernante der englischen Thronfolgern enthält.

Mit Verdunkelung werde man sich in New York nicht aufhalten, falls ein globaler Krieg käme, meinte General Clay. Radar weise auch im Dunkeln den Bomben den Weg. Schwarzes Papier kaufen also selbst die Überängstlichen nicht. Auch sonst hat der New Yorker Luftschutz einige Maßnahmen als zwecklos fallen gelassen, die einst vorgesehen waren. So bestand anfangs offenbar die Absicht, im großen Stil Luftschutzkeller zu bauen. Inzwischen scheint man mehr und mehr der Massenevakuierung den Vorzug zu geben und das Transportsystem entsprechend organisieren zu wollen. 41 Millionen Dollar sollen im Laufe der Zeit insgesamt für die Zivilverteidigung von New York zur Verfügung gestellt werden. Bisher wurden 1,8 Millionen bewilligt – eine Million davon für Medikamente. 300 000 Dollar werden für die Einrichtung von Blood banks (Blutvorräte für Transfusionen) benötigt. Man plant, die Feuerwehr zu verzehnfachen, man plant Ausweichquartiere, Rettungsstellen, man plant ein neues Warnsystem, mit dem man hofft, New York mindestens acht Minuten vor einem Angriff zu alarmieren – man plant... Die einzige Abwehrmaßnahme aber, die bisher getroffen wurce, ist die regelmäßige "Dürchkämmung" von Iron-Curtain-Schiffen. Polens "Bartory", mit der seinerzeit Gerhart Eisler "reemigrierte" und die neuerdings eine merkwürdige Anziehungskraft auf blinde Passagiere ausübt, wurde bereits zum zweiten Male viele Stunden lang im Hafen von einer Kommission auf Atombombenmaterial untersucht. Fünfzig Zollbeamte durchsuchten jeden Winkel, jedoch nicht die Kabinen der 829 Passagiere und die Quartiere der Bootsbesatzung. "Wenn wieder ein Krieg kommt, stell’ ich mich unter die nächste Atombombe", hörte ich 1945 in Deutschland sagen. Im jetzigen Stadium der New Yorker Atombombenabwehr überkommt mich manchmal ein ähnliches Gefühl.