Mit einem oft zitierten Ausspruch hat Stalin Selbstkritik als unentbehrliche Grundlage der Kommunistischen Partei bezeichnet. In diesem Sinne will wohl das folgende Feuilleton von G. Ryklin verstanden werden, das kürzlich in der Moskauer "Literaturnaja gazjeta" erschien.

In einen Verlag kommt, verlegen hustend, ein angenehm aussehender junger Mann von bescheidenem Äußeren. "Guten Tag!" wendet er sich schüchtern an den Portier. "Sagen Sie, Onkelchen, wo werden hier bei Ihnen Manuskripte angenommen, die ideenlos und künstlerisch schwach sind?" – "Schwach? Wenn sie schwach sind, dann den Korridor geradeaus die zweite Tür links." – "Sag’, Onkelchen, doch nicht umsonst?" fragt der junge Mann zaghaft. "Natürlich nicht umsonst. Das Honorar wird bezahlt."

Der junge Mann von angenehmem und bescheidenem Äußeren geht den Korridor entlang und öffnet mit zitternder Hand die zweite Tür links. "Guten Tag!" wendet er sich noch schüchterner an einen stattlich aussehenden Genossen. "Entschuldigen Sie, ich habe eine Erzählung mitgebracht." – "Was für eine Erzählung?" – "Keine lange." – "Es handelt sich nicht um die Länge. Ich nehme nur mittelmäßige und künstlerisch minderwertige Erzählungen an."

"Mir scheint...", antwortet der Autor bescheiden die Augen senkend, "es ist natürlich schwer, von seinem eigenen Werk zu reden – Aber mir scheint, daß ..., kurz gesagt, ohne mich zu rühmen, kann ich versichern, daß meine Erzählung vollständig Ihren Anforderungen entspricht." – "Das ist noch nicht alles", sagt der stattlich aussehende Genosse. "Ich nehme nur solche Erzählungen an, die sich durch keinen großen Ideengehalt auszeichnen. Verstanden?"

Ob der bescheidene Autor des künstlerisch minderwertigen Werks das alles verstand, wissen wir nicht. Doch wir sind überzeugt, daß der Leser noch nichts verstanden hat und sich zweifelnd fragt: Gibt es denn bei uns einen Verlag, wo ein solches Gespräch zwischen Autor und Redakteur möglich wäre? Leider ja.

Vor einigen Tagen erhielt die Verwaltung des Allgemeinen Schutzverbandes der Autoren in Moskau von dem Mordwinischen Staatsverlag folgende offizielle Anfrage: "Wie müssen literarische Erzeugnisse bezahlt werden, die künstlerisch schwach und ohne Ideengehalt, sind?" Dann hieß es weiter in jenem mehr als seltsamen Dokument: "Der Mordwinische Staatsverlag bittet um Aufklärung über den Akkordlohn für Prosaerzählungen bis zu einer Druckseite. Erstens, müssen alle Erzählungen nach dem Akkordlohn bezahlt werden, auch wenn ihre Eigentümlichkeit nur darin besteht, daß der Autor weniger als eine Druckseite geschrieben hat (1/8, 1/4, 1/2) und bei dieser Kürze der Wert der Erzählung nicht zu ersehen ist, die Erzählung als solche mittelmäßig und unkünstlerisch ist? Zweitens,, müssen wenig umfangreiche Erzählungen junger Schriftsteller, die eben erst beginnen zu schreiben, auch nach dem Akkordlohn bezahlt werden, wenn ihre Erzählungen eigentlich nur Stilproben sind und sich weder durch Ideenreichtum noch durch künstlerische Form auszeichnen? Drittens, wenn diese Erzählungen, bevor sie in Druck gegeben werden, einer größeren redaktionellen Korrektur unterworfen, an einigen Stellen für den Autor mit seiner Einwilligung umgeschrieben werden."

Den Leitern des Mordwinischen Staatsverlags kam es anscheinend nicht in den Sinn, daß Erzeugnisse, die so eingehend in den drei Punkten des Briefes charakterisiert sind, von wem sie auch stammen mögen, von jungen oder alten Autoren, Anfängern oder schon Arrivierten, nicht nur nicht für den Autor umgeschrieben werden sollten, selbst nicht mit seinem wohlerwogenen Einverständnis, sondern überhaupt nicht bezahlt werden sollten, aus dem einfachen Grunde, weil sie überhaupt nicht erscheinen sollten. Doch die Mitarbeiter des Mordwinischen Staatsverlages haben anscheinend ihre eigene Anschauung über die ökonomische Verwendung von Geldmitteln und ihr Verhältnis zu jungen Schriftstellern. Darüber erteilt der Direktor des Verlages M. Beban in seinem Brief mit Stolz Auskunft. Er schreibt, daß der von ihm geleitete Verlag nur selten für kleine Erzählungen den Akkordlohn zahlt, sondern sparsamer verfährt, indem er bogenweise zahlt, weil die wenig umfangreichen Erzählungen mit seltenen Ausnahmen von jungen Schriftstellern stammen, die künstlerisch schwach und ideenarm sind. Sich selbst aber hält Genosse Beban für so meisterhaft und verdienstvoll, daß er seine eigenen Erzeugnisse nach dem höchsten Tarif bezahlt, so daß er sich im letzten Jahre in dem ihm anvertrauten Verlag ungefähr 70 000 Rubel Honorar "erarbeitete". Mögen andere Autoren sich etwas einschränken, das versteht sich doch von selbst, damit für die Honorarforderungen des Direktors genügend Platz bleibt.