Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, im Oktober

Die Führung der Labour Party hatte es darauf angelegt, auf dem 50. Jubiläums-Parteitag in Margate als "einheitliche Front" zu erscheinen. Sie wollte alle Behauptungen über kämpferische Gegensätze, etwa zwischen Herbert Morrison und Aneurin Bevan, Lügen strafen. Mit dem keep smiling auf dem Podium und in den Wandelgängen sollte die Illusion einer innerlich starken, lebendigen Partei geschaffen werden.

Dieser erstrebte Erfolg der Latour-Mannschaft ist zweifellos erreicht worden. Allen voran hat Clement Attlee – weder ein zündender Redner noch ein profunder Programmatiker – kraft seiner Ruhe, seiner moralischen Integrität und seiner Begabung, Menschen zu behandeln, sich stärker als erwartet das Vertrauen seiner Freunde erworben. Morrison, der jovial-humorvolle Londoner, dürfte als Wahlstratege, sowohl was den Termin wie was die Werbung für den Mittelstand betrifft, erneut bestätigt sein. Den Walliser Bevan hat man in Margate nicht zu Unrecht die Primadonna genannt. Seine an Lloyd George erinnernde Beredsamkeit, die er unter Wahrung eigener Überzeugungen in den Dienst des Vorstandes stellte, brachte ihm Ovationen ein, wie sie sich jede Operndiva auf der Bühne wünschen könnte. Man sollte ihn jedoch nicht falsch einschätzen. Er hat seine radikalen Krallen zur Zeit nur eingezogen, "weil man", wie er sagte, "an die knappe Mehrheit von sechs Stimmen im Parlament denken muß", und auch weil er besser als mancher andere die latente Gefahr versteht, die die "Verschwörung des Kommunismus" für die unruhigeren britischen Elemente darstellt. – Schließlich wohl auch, weil er zwar starke persönliche, aber keine sachlich fundierte Gefolgschaft in den Labourreihen hat, die er gegen Attlee oder Morrison ins Feld führen könnte. Außenminister Bevin endlich, eigens von Lake Success nach Margate gekommen, machte das persönlich erfolgreiche Quartett vollständig. Er verstand es, trotz Müdigkeit und ernster Beschwerden, die Delegierten von der Unausweichlichkeit der kollektiven Sicherheit zu überzeugen. Korea hat dazu geführt, daß Moskau im Labourlager nicht mehr mit Friedenspropaganda, sondern nur noch mit konkreten Beweisen einer Friedenspolitik irgendwelchen Eindruck machen könnte.

Doch Attlee wird älter, Bevin wirkt krank und müde, Cripps war statt in Margate in einer Züricher Klinik. Labour braucht eine jüngere erste Garnitur und – ein Programm, das entweder Realitäten berücksichtigt oder Realitäten zu schaffen vermag. Hier aber offenbarte sich in Margate ein bezeichnendes Versagen. Es zeigte sich in den Fragen der Lohnpolitik und dem Ruf nach noch mehr Gewinnbesteuerung, in dem völligen Unverständnis gegenüber den Problemen der sozialisierten Industrien, in dem weitgehend akzeptierten Programm Daltons, daß man "Vertrauen" nur in ein sozialistisch geführtes Europa setzen könne und schließlich in dem rein theoretisch gebliebenen Vorschlag, daß man den armen Völkern helfen möge – wenn es weder zuviel Anstrengungen noch Opfer erfordert.

Auch für die sozialisierten Industrien wußte man keinen Rat. Man jammerte über zu geringe Beteiligung der Arbeiter an ihrer Verwaltung (in der "noch immer Freimaurer" säßen), ohne an die Ausbildung der Arbeiter für diese Aufgabe zu denken. Man beklagt das Fehlen des Parteibuches bei den aus der Privatwirtschaft übernommenen Direktoren. Man verlangte "niedrigere Spitzengehälter, die mehr mit dem Sozialismus in Einklang stehen". Und "an warnte vor Tausenden von Eisenbahnern", die aus Enttäuschung über die bei der Sozialisierung verpaßte Gelegenheit nicht länger Labour wählen würden. Über das neue Pamphlet "Labour und die neue Gesellschaft" – ein Programm kann man es in dieser unklar-schwülstigen Fassung kaum nennen – entstand eine lebhafte Diskussion. Sie gab Gelegenheit zu einem Rededuell zwischen Morrison und Bevan. In das Pamphlet kann man als zukünfige Labourpolitik hineinlesen, was man will: weitere Verstaatlichungen – und ihre Verschiebung auf unbestimmte Zeit; eine ausschließlich ozialistische Gemeinschaft – und das Geltenlassen anderer Meinungen; einen unbeirrbaren geraden Kurs – und eine empirische, auf wienschen und Umstände Rücksicht nehmende Entwicklung im Gehen".

Nur ein einziger Keim eines für den britischen Sozialismus neuen Gedankens ließ sich in diesem Pamphlet entdecken: Sozialismus muß allen Menschen, nicht nur allen Engländern, zugänglich ein, vor allem auch allen asiatischen und sontigen "unterentwickelten" Völkern. "Der miliärischen kollektiven Sicherheit muß eine soziale kollektive Sicherheit entsprechen", wie es Dr. Edith Summerskill formulierte. Aber diese Forderung zu erfüllen, würde für den britischen Arbeiter bedeuten, daß er seinen Lebensstandard zugunsten des Kulis und des Negers verringert. Davon jedoch war in Margate nicht die Rede. Ein Labourabgeordneter, der dort seine Eindrücke animierte, erklärte, Labour brauche viel mehr politische Erziehung und Erzieher! Denn die Wähler würden sich auch durch die Rhetorik von Margate und dadurch, daß man es vermieden aber alle wesentlichen Fragen. zu diskutieren, nicht vom Unentschieden der Februarwahl zu Labour hingezogen fühlen...