Es ist die Justiztragödie einer westlichen Demokratie. – Dr. Robert Ernst, gebürtiger Elsässer, wurde Anfang 1946 in einem bayerischen Kriegsgefangenenlager verhaftet und sitzt seither in Untersuchungshaft zu Metz im Militärgefäng-Bis unter der Anklage, als französischer Staatsangehöriger Hochverrat begangen zu haben: er war zur Zeit der deutschen Besatzung Oberbürgermeister von Straßburg gewesen. Er protestierte. Er wies nach, daß er schon im November 1918 (bis dahin war ja das Elsaß deutsch) als 21jähriger, noch vor dem Einrücken der französischen Truppen, seine Heimat verlassen habe, um in Deutschland zu leben. Man gab ihm Gelegenheit, beim Landgericht Straßburg eine Zivilklage zu seiner Verteidigung einzureichen, daß er nicht Franzose sondern Deutscher sei. Und dieses Gericht fand, er sei tatsächlich Deutscher. Damit hätte man es bewenden lassen können, wenn nicht die Oberstaatsanwaltschaft Kolmar auf Anweisung des französischen Justizministeriums Berufung eingelegt hätte. Die Kolmarer Cour d’Appel kam zur selben Lösung wie das Straßburger Landgericht: Dr. Ernst sei Deutscher. Das Gericht hatte einen Antrag, Dr. Ernst nachträglich – das heißt nach ‚28 Jahren – auf die offizielle Liste der in die französische Staatsangehörigkeit "re-integrierten" Elsässer setzen zu lassen, abgelehnt.

Soweit hatte die Justiztragödie ihren Lauf genommen – Tragödie deshalb, weil Dr. Ernst trotz dieser Urteile nicht aus der Haft entlassen wurde, und inzwischen war das Jahr 1950 gekommen. Da trat – wiederum auf strikte Anweisung des französischen Justizministeriums – der Kassationshof in Aktion, der das Urteil der Cour d’Appel kassierte, das heißt: für nichtig erklärte. Neue Verhandlung. Resultat: Dr. Ernst sei Deutscher und doch wird in wenigen Tagen Dr. Ernst aufs neue vor Gericht gebracht werden.

"Ich schäme mich", so hat einer der bekanntesten elsässischen Juristen gesagt, "ich schäme mich als Rechtsanwalt, ich schäme mich als Mensch und als französischer Bürger dessen, was Dr. Ernst angetan wird. In den schweren Stunden des November 1918 hat er sich als Elsässer für Deutschland entschieden, wie wir anderen uns für Frankreich entschieden haben. Er war Frankreichs Feind, aber er hat mit offenem Visier gekämpft Es ist schandhaft, wie man ihn jetzt mit vergifteten Waffen zur Strecke bringen will. Diese Prozedur ist Frankreich nicht würdig, und jene, die dafür verantwortlich zeichnen, fügen dem Lande, dem wir aus ganzer Seele angehören, unberechenbaren Schaden zu ..." Die Männer, die verantwortlich zeichnen, sind Mitglieder des französischen Justizministeriums und der Oberstaatsanwaltschaft, die es fertiggebracht haben, von dem Bürgermeister des elsässischen Dorfes Hürtigheim, wo Dr. Ernst geboren wurde, die nachträgliche Eintragung auf die Reintegrationsliste erzwingen zu wollen. Doch der Bürgermeister hat nicht nur bereits 1948 diesen Antrag der Oberstaatsanwaltschaft abgelehnt, sondern einen erneuten Antrag im Frühjahr 1950 mit der Begründung zurückgewiesen, daß "ja die ursprüngliche abschlägige Entscheidung infolge Nichteinlegung eines Rechtsmittels durch die Oberstaatsanwaltschaft längst rechtskräftig geworden" sei.

Das ist der Nationalitätsprozeß um Dr. Ernst, der die Gemüter nicht zuletzt deshalb erhitzt, weil mehrere tausend Elsässer sich in einer ähnlichen Lage befinden: sie, die sich für Deutschland entschieden haben und daraus die Konsequenzen zogen, möchten nicht nachträglich zwangsweise Franzosen werden und damit vielleicht gar – Hochverräter. Es sei ein einziger Abteilungsleiter im Pariser Justizministerium – so sagt man – der aus ideologischer Verbissenheit seine Instruktionen an die Oberstaatsanwaltschaft Kolmar gebe, offensichtlich nach dem Motto, Gewalt geht vor Recht. Ein einziger hoher Beamter, dem ein kleiner elsässischer Dorfbürgermeister in aller Rechtlichkeit zu trotzen wagt nach dem Grundsatz: Recht geht vor Gewalt. Es geht um das Prinzip, nicht um die Person des einstigen Oberbürgermeisters Ernst. Es geht darum, daß der Frau Justitia in Frankreich, daß der Rechtsprechung eines demokratischen Landes keine Schande geschieht! J. M.