Zur "Sühne" muß der ehemalige Chefredakteur des SED-Organs "Neues Deutschland", Lex Ende, der aus der Partei ausgeschlossen wurde, in einem sächsischen Eisenwerk arbeiten. – Franz Rothenburg, Widerstandskämpfer gegen Hitler, hat dem früheren Bekannten einen offenen Brief geschrieben –: gerecht, aber mitleidslos, wo falsche Menschlichkeit nur irreführen würde.

Lieber Alex! Es war im November 1939, als wir uns das letzte Mal sahen. Wir saßen auf dem verfallenen Mäuerchen, das einen Teil des Internierungslagers Villemalard von der sogenannten Freiheit abgrenzte, und ich war aus einem anderen Block des Lagers gekommen, um mich von Dir zu verabschieden. Denn ich hatte mich entschlossen, den Kampf gegen Hitler, den wir beide seit 1930 und eher schon mit geistigen Waffen führten, nun wirklich mit der Waffe in der Hand fortzusetzen. Du hingegen, linientreuer KP-Mann, betrachtetest den Krieg gegen Hitler als einen imperialistischen Krieg, wie immer getreu den Weisungen, die von dem damals mit den Nazis verbündeten Kreml ausgingen. Halb scherzhaft und halb ernsthaft trafen wir, als wir uns zum Abschied die Hände schüttelten, die Verabredung, daß derjenige von uns, der als erster nach dem Krieg wieder deutschen Boden betrete, den anderen als Verräter vor Gericht stellen lassen werde ...

An diesen Novemberabend von 1939 mußte ich denken, als ich vor einigen Wochen in den sowjetischen Zeitungen las, daß das Schicksal Dich ereilt habe. Ich habe keinerlei Mitleid mit Dir, und solltest Du zufällig, was ich nicht glaube, in den Kerkern des Genossen Zaisser diese Zeilen zu Gesicht bekommen, so werden sie vielleicht auch in Dir die Erinnerung an jenen Abend wachrufen; vieleicht wirst Du Dich jetzt fragen, ob nicht mein Weg der richtigere war ...

Aber um Dich persönlich handelt es sich gar nicht. Und so gewiß es ist, daß jeder von uns an seinem Leben hängt, so gewiß ist es auch, daß wir eben dieses unser Leben notfalls für das Ideal opfern müssen, das das unsere ist. Und so wenig schmachvoll es ist, im ehrlichen Kampf gegen den wirklichen Gegner zu fallen, so schmachvoll ist es, durch einen Genickschuß aus den eigenen Reihen zu enden. Nie habe ich begreifen können, wie intelligente Menschen all die Spiele spielen konnten, die der Croupier im Kreml dirigierte. Es hat wohl kaum Zweck, heute mit Dir darüber diskutieren zu wollen. Ihr stalinistischen Intellektuellen lebt nicht nur hinter dem Eisernen Vorhang, sondern auch hinter einer Nebelwand, die Euer Bewußtsein geschaffen hat, um Euch vor Argumenten, deren Richtigkeit Ihr selber wohl seht, zu schützen.

Heute "liquidiert" man bei Euch diejenigen Emigranten, die den Kampf gegen Hitkr von Westen aus führten oder zu führen glaubten. Der erste Karren ist schon unterwegs zur Guillotine. Wie mögen die zittern, die damals von London und Paris, von Zürich und New York aus konspirierten, die Eisler und Koenen, die Seghers und Weinert, und wie sie alle leißen mögen. Es wäre falsch, Mitleid mit ihren zu haben. Sie sind alle miteinander freiwillig in die Höhle des Löwen zurückgekehrt, weil sie glaubten, selber Löwenjunge zu sein. Jetzt, da man sie nicht mehr braucht, stempelt man sie zu Hyänen.

Und wenn ich diese Zeilen gerade an Dich richte, Lex Ende, so nur deshalb, weil ich hoffe, daß sie von denen gelesen werden, die heute noch schwanken, von denen, die einen Fuß im Westen haben und den anderen im Osten, von denen, die, wie "Die Zeit" kürzlich schrieb, auf beiden Schultern tragen. Für jene, die mit dem Osten liebäugeln, ist noch Zeit zur Einsicht und Umkehr. Nicht wegen ihrer persönlichen Sicherheit denn die schert uns wenig, aber weil unter ihnen ja doch noch Träger einer, Kultur sind, die wichtig genug ist, daß man sie rette.

Du, lieber Alex, als Du Dein Pseudonym gewählt hast, dachtest gewiß an ein anderes Ende, aber nun ist Dein Name ein Symbol geworden jenes Weges, der unaufhaltsam in den eigenen Kerker führt. Dein Name sollte als Warnung dienen all denen, die glauben, mit dem Teufel paktieren zu können. Sie alle stehen, heute schon, unter dem Gesetz der Austilgung: unter der "Lex Ende". Er am Rothenburg, Paris