Wie sehr unterscheidet sich die fünfte UNO-Vollversammlung in New York von den vorhergegangenen! Auf der Gründungskonferenz in San Franzisko glichen die Gedanken der Vereinten Nationen menschheitsbeglückenden Träumen. Drei Jahre später schon schlief auf den Stufen des Palais de Chaillot ein einsamer Mensch, Weltbürger Nr. 1, in sinnlosem Protest gegen die Friedlosigkeit der Welt und gegen ihre in Paris tagenden Delegierten. Heute – zur gleichen Zeit, da Garry Davis sich resigniert um die Wiedererlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft bemüht – ist die Vollversammlung der Vereinten Nationen zum ersten Male das geworden, was sie von Anbeginn an hätte sein sollen: ein Instrument aktiver internationaler Politik.

Die 75 Punkte der diesmaligen Tagesordnung ergeben ein fast vollständiges Krankheitsbild unserer Zeit. Den dunklen Hintergrund bildet der ost-westliche Streit. Aber zum ersten Male in der Geschichte der UNO tauchte ein Faktor auf, den es bis dahin nicht gegeben hat: eine dritte Kraft; Nicht, wie manche spekuliert hatten, Europa, sondern die alten und sehr wilden jungen Nationen Asiens, an ihrer Spitze Indien. Zu den beiden wichtigsten aktuellen Problemen der diesjährigen Konferenz – zum Koreakonflikt und zur Frage der Zulassung Rotchinas – reichte Pandit Nehrus Vertreter, Sir Benegal Rau, Kompromißvorschläge ein, die weder den Wünschen Moskaus noch denen Washingtons entsprachen. Zwar wurden sie verworfen. Aber, und das ist bemerkenswert, nicht durch eins der üblichen Abstimmungsergebnisse, bei denen die überwältigende Mehrzahl der Delegierten mit einigen Enthaltungen gegen den Ostblock stimmt, vielmehr war das Resultat im Falle Rotchinas 33:16 Stimmen, im Falle Korea sogar 32 : 24. Abstimmungsergebnisse also, die nicht durch Telefongespräche mit dem State Department oder dem Kreml herbeigeführt wurden, sondern tatsächlich in Lake Success zustande kamen. Es scheint, als habe der "Aufstand der Kleinen", der 1948 in Paris unter dem Motto "Vom Frieden, den alle wünschen, den die Großmächte aber nicht zustande bringen können" ausbrach und scheiterte, 1950 eine Renaissance erlebt.

Das Angriffsterrain ist von den kleinen Neutralen geschickt gewählt. Denn sowohl Korea wie auch China sind nicht nur die wichtigsten, sondern auch die merkwürdigsten Probleme der Konferenz. In der vergangenen Woche nahm die Vollversammlung mit 46:5 Stimmen bei sieben Enthaltungen eine von England ausgearbeitete "Achtmäche-Resolution" an, die empfahl, "alle geeigneten Schritte zu unternehmen, um Ruhe und Ordnung in ganz Korea wieder herzustellen." Dies wurde von der Weltöffentlichkeit und auch in der Praxis als Marschbefehl für die Truppen MacArthurs angesehen. Und doch zu Unrecht. Denn entweder schloß schon die Resolution des Sicherheitsrates vom 27. Juni über das bewaffnete Eingreifen der UNO in Korea das Vordringen über den 38. Breitengrad ein. Dann hätte MacArthur nicht erst auf eine Abstimmung in der Vollversammlung zu warten brauchen. Oder aber der fragliche Sicherheitsratbeschluß galt nur für Südkorea. Dann kann auch die Resolution der Vollversammlung MacArthur keine neuen Volmachten erteilen. Der Sicherheitsrat müßte erneut entscheiden. Denn nur er kann gemäß den Statuten "anordnen", die Vollversammlung jedoch lediglich "empfehlen".

Nicht weniger merkwürdig hat sich die Frontstellung im Streit um die Zulassung Rotchinas entwickelt. Die Sowjetunion plädiert nach wie vor dafür, Amerika streitet dagegen. Zuverlässige Informationen aus Lake Success aber besagen, daß es in Wirklichkeit heute bereits dem Kreml gar nicht so unbedingt angenehm wäre, einen Vertreter Mao Tse Tungs im Sicherheitsrat zu haben, und daß die Amerikaner andererseits längst die Unhaltbarkeit ihres Standpunktes angesehen hätten. So ergibt sich denn die Situation, daß Rußland ja sagen kann, weil Amerika an seiner Stelle nein sagt. Amerika hingegen wagt nicht ja zu sagen, weil Acheson sich fürchtet, erneut den Vorwurf des appeasement auf sich zu ziehen, weil er weiß, daß die gegenwärtige Stimmung in den Vereinigten Staaten eine Zulassung Rotchinas verurteilen würde und weil endlich das State Department viel zu lange Zickzackkurs ge,fahren ist, als daß es sich jetzt erneut von einem Tag zum andern eine Wendung um 180 Grad erlauben könnte.

Allein, die "Palastrevolution der Neutralen" hat noch einen anderen unerwarteten und wahrscheinlich ungewollten Bundesgenossen gefunden: die Vereinigten Staaten. Außenminister Achesons Vorschlag über eine Reform der UNO läuft letztendlich darauf hinaus, das Schwergewicht der Organisation aus dem Sicherheitsrat fort in die Vollversammlung zu verlagern. Es ist dies der vielleicht bedeutendste Vorschlag, der je in der UNO gemacht wurde. Achesons Ziel ist es, dem Kreml die Vetowaffe aus der Hand zu schlagen. Aber wenn er Erfolg haben sollte, hätte er nichts anderes gespielt als das Spiel der kleinen Mächte.

Nun geht allerdings Achesons Vorschlag weit über diesen Punkt hinaus. Er verlangt die Schaffung einer internationalen Streitmacht, bestehend aus nationalen Einheiten, die jeden Friedensstörer zur Ruhe weisen könnte. "Wir lehnen auch zu unserm Teil den Gedanken ab, daß der Krieg unvermeidlich ist", erklärte Acheson in seiner Rede, die zwar nicht über das Pathos eines Winston Churchill, wohl aber über die Brillanz eines der angesehensten Rechtsanwälte der Vereinigten Staaten verfügte. "Die Schatten des Krieges sind jedoch länger geworden." Die Frage, ob die UNO das Schicksal des Völkerbundes teilen werde, sei, wenn durch nichts anderes, durch die Ereignisse in Korea endgültig beantwortet." Blut ist dicker als Tinte", so sprach Amerikas Außenminister.

Es ist zu früh, das Fazit der bisherigen Vollversammlung zu ziehen. Fest steht jedoch schon heute dieses: am Ende der Session wird die Welt einen Schritt näher sein – dem Krieg oder dem Frieden. Die Situation in Lake Success gleicht heute den Tagen nach Beendigung der Berliner Blockade. Damals wie heute hat der Kreml zum mindesten einen Prestigeverlust erlitten. Damals gelang es ihm, diese Schlappe in zweiseitigen Verhandlungen zu vertuschen. Heute jedoch sind auch jene freien Nationen, die die Warnungszeichen von Berlin übersahen, durch Korea aufgeweckt. Sie wollen, was auf der asiatischen Halbinsel durch einen Zufall gelang, nicht noch einmal dem Zerfall überlassen. C. Jacobi