Man könnte heute versucht sein, den Satz, der von Clausewitz stammt: "Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", einmal zu variieren und etwa zu sagen: "Eine Bewaffnung der Bundesrepublik ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln," Doch sollte jemand im Vertrauen darauf, daß Krieg und Bewaffnung in einem gewissen Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen, so unvorsichtig sein, diesen neuen Satz in Gegenwart anderer laut auszusprechen, so würde sich gewiß sehr schnell ein Zuhörer finden, der fragt: Welches ist denn jene Politik, die hier fortgesetzt werden soll? Ist sie eine alliierte, eine deutsche, oder wurde sie gar von beiden Ländern gemeinsam geführt?

Nun, die Antwort müßte lauten: Die Politik ist weder alliiert noch deutsch gewesen, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: es hat sie überhaupt bisher nicht gegeben. Daran hat sich auch bis zum heutigen Tage nicht viel geändert. Zwar ist man sich im alliierten Lager allmählich wenigstens über die Methoden einig geworden, mit denen man eine neue Politik verfolgen will, das Ziel jedoch, um das es geht, liegt – für die übrige Welt jedenfalls – immer noch im Nebel.

Auch McCloy, der amerikanische Hohe Kommissar, hat in seiner wohlmeinenden und freundschaftlichen Rede, die er am vergangenen Sonntag dem deutschen Volke hielt, nicht viel Aufschlußreiches zu der Frage gesagt, wohin uns die neue Politik denn eigentlich führen soll. Und dabei wäre es doch so nötig, daß man eine solche Frage in aller Öffentlichkeit einmal stellte, denn die Verwirrung, die in den letzten Wochen bei der Diskussion dieses Themas nicht nur in Deutschland, sondern überall in der westlichen Welt entstanden ist, hat bereits erheblichen politischen Schaden angerichtet.

Wenn wir nun versuchen wollen, wenigstens einmal die Grundlagen einer solchen Politik zu klären, damit man aus ihnen vielleicht später auf ein mögliches Ziel schließen könnte, und wenn wir dabei zunächst mit der deutschen Situation beginnen, so möge man uns dies bitte nicht so auslegen, als betrachteten wir Deutschen uns wieder einmal als den Nabel der Welt. Wir stehen nun einmal ohne unser Zutun im Brennpunkt der Diskussion, und so müssen wir auch unseren eigenen Beitrag dazu liefern.

Für uns Deutsche sieht die Lage so aus: Deutschland hat keinen Friedensvertrag. Infolgedessen hat es auch keine festen Grenzen, vor allem nicht im Osten, wo aus weiten deutschen Gebieten durch Polen und Russen die deutsche Bevölkerung ausgetrieben worden ist. Das restliche Deutschland, dasjenige Gebiet also, das noch von Deutschen bewohnt wird, ist aufgespalten. Sein östlicher Teil steht unter der unmenschlichen Diktatur moskauhöriger Kommunisten. Mindestens 90 H. der dortigen Bevölkerung sehnen sich nach einer Befreiung durch den Westen. Inmitten dieses Gebietes, das auf Befehl des Kremls mit allen Mitteln russifiziert werden soll, liegt Berlin, gleichfalls gespalten, isoliert, aber mit seinem Freiheitswillen ein Beispiel nicht nur für Deutschland, sondern für die Welt. Das also sind die Grundlagen, wie sie sich heute für eine unabhängige deutsche Politik darstellen würden.

Allerdings, eine solche deutsche Politik hat es nach dem Kriege nie gegeben, und gibt es auch heute nicht. Dennoch müssen wir fragen: Wie würde sie ausgesehen haben für den hypothetischen Fall, daß sie uns erlaubt worden wäre? Unser erstes Ziel wäre gewiß gewesen, einen Versuch zu machen, die restlichen Teile Deutschlands zu vereinigen. Was die Alliierten, die ja unsere Politik nach ihrem Willen führten, in dieser Hinsicht getan haben, hat dieser Zielsetzung nur sehr wenig entsprochen. Auf der Moskauer Konferenz von 1947 spielte jede der vier Großmächte ihr eigenes Spiel. Der Kreml erklärte sich damals noch bereit, eine gesamtdeutsche Verfassung nach dem Weimarer Vorbild und eine gesamtdeutsche Regierung zu tolerieren. Von den westlichen Alliierten aber trat ernsthaft keiner für eine bald zu verwirklichende deutsche Einheit ein. Während die Sowjetrussen noch durchaus willens waren, einiges zu riskieren, setzten die westlichen Alliierten ebenso – wir müssen es leider sagen – wie später die westdeutschen Parteien nur noch auf eines: jedermann wollte Sicherheit. "Sicherheit" aber ist der Tod der Politik, jedes Streben nach Sicherheit führt zu politischen Niederlagen, genau so wie einst schon mit dem Bau der Maginotlinie im tiefsten Frieden die kommende militärische Niederlage Frankreichs besiegelt worden war.

Von unseren ehemaligen Feinden hat zunächst nur ein Staat – was Deutschland angeht – offensive Politik getrieben: Sowjetrußland. Der Kreml bereitete auch nach der Moskauer Konferenz in der deutschen Frage eine Entscheidung vor, indem er in der Sowjetzone eine Bürgerkriegsarmee aufstellen ließ: die ostdeutsche Volkspolizei. Der Westen tat zunächst, als ob nichts geschehen sei, er hat die Herausforderung nicht angenommen und damit abermals eine Chance verpaßt; auch diesmal wieder unter Billigung und Teilnahme deutscher Politiker. Das Wort Bürgerkrieg ist ein Schrecken in den Ohren der meisten Deutschen. Man vergißt bei uns, daß in den Vereinigten Staaten vier Jahre lang ein erbitterter Bürgerkrieg geführt worden ist, um die Negersklaven in den Südstaaten zu befreien. Einen Bürgerkrieg kann man gewinnen oder verlieren, man kann sich aber nicht auf den Standpunkt stellen, daß man ihn nicht zur Kenntnis nimmt, wenn er einem angeboten wird. "Nie darf es geschehen, daß Deutsche auf, Deutsche schießen", proklamierten die deutschen Bruderschaften. die militärischen wie die evangelischen. Daß, ganz gleich was kommt, die Gewaltherrscher der deutschen Sowjetzone jeden Tag bereit, sind, auf Deutsche zu schießen, ist dem Eigendünkel der Bruderschaftsführer offenbar entgangen.