Schon Hegel ließ sich nicht gern unterbrechen. Aber ihn zu unterbrechen, wäre an fast jeder Stelle ein Verlust gewesen. Auf dem Dritten Deutschen Kongreß für Philosophie in Bremen vom 1. bis 5. Oktober ließen sich die Redner meistens auch nicht gern dazwischenreden. Alle sagten ohne Stockung, was sie glaubten sagen zu müssen, und sie taten das ohne Rücksicht auf den bisweilen verzweifelten Diskussionsleiter, der weder mit der Zeit hinlangte, noch richtige Diskussionen in Gang bekam.

Früher, vor über 2000 Jahren, bestand das Wesen des Philosophierens für Sokrates gerade darin, "unterbrochen zu werden". Sokrates war offenbar der Ansicht, daß echtes Philosophieren nur in Frage und Gegenfrage gedeihen könne. Zu Bremen waren vielen Rednern Zwischenfragen ein Ärgernis. Es fehlte Sokrates.

Es fehlte im Bremer Rathaussaal auch mancher lebende deutsche Philosoph. Abgesagt hatten Nicolai Hartmann, Heidegger und Jaspers, der Logistiker Scholz, die katholischen Philosophen Guardini und Pieper, und auch Max Müller, Szilasi, Weischedl, Flitner oder Joachim Ritter suchte man vergeblich. Dieser Kongreß, zu dem Westberlin eingeladen hatte (aber einige der Philosophen meinten darauf, jetzt, im Oktober, würde Westberlin schon längst der Ostzone eingegliedert sein), war so, trotz der großen Fülle in jedem Symposion (fast immer rund 300 Zuhörer), nur ein sozusagen "philosophisches Rumpfparlament", in dem ein Thema wie "Philosophische Grundlagen der Logistik" ohne den einzigen deutschen Ordinarius für Logistik, das Kolloquium "Situation und Entscheidung" ohne die Existenzphilosophen behandelt wurde.

Merkwürdig war, wie suspekt manchen Rednern in ihren Ausführungen die Existenzphilosophie erschien. Sie sprachen von ihr nicht nur geringschätzig, sondern bisweilen auch mit solcher Unkenntnis, daß im letzten Symposion ein Jesuitenpater, der offenbar etwas von Heidegger und Jaspers verstand, diese beiden in drei Punkten vor den gröbsten Interpretationsfehlern seiner Vorredner in Schutz nehmen mußte. Dabei zeigte gerade dieses Gespräch über "Situation und Entscheidung", das der Bonner Ordinarius Theodor Litt überlegen leitete und das sich immer mehr auf die Frage nach der Freiheit zuspitzte, daß eine alte normative Ethik, in der die allgemeine Verbindlichkeit ethischer Werte auch die individuelle Situation beherrscht, heute oft abgelehnt wird. Auch wer Sartre und seine übertriebene Situationsethik, in der der Mensch sich in jedem Augenblick nach der jeweiligen Situation entscheidet, ablehnt, muß doch zugeben, daß eine solche Ethik für das praktische Leben jedes einzelnen heute weitgehend gilt. Aber gerade diese Zeitlage macht die Frage nach einer Ethik so brennend, und dieses letzte Symposion in Bremen war deshalb vielleicht das aktuellste.

Ein anderes Gespräch bemühte sich um die Gestaltungskräfte der Geschichte. Es sei die Aufgabe der Philosophen, dem Historiker solche sich durchhaltenden Gestaltungskräfte an die Hand zu geben. Am Ende dieses Symposions meldete sich ein amerikanischer Professor. Er erklärte, er habe nicht sosehr auf das "Was" des Gesagten, sondern mehr auf das "Wie’ geachtet: und da habe er doch bei der Sprache und Ausdrucksweise verschiedener Redner bedenklich werden müssen.

In der Tat muß man zugeben: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden die Vorträge und Zwischenreferate nicht in jener klaren Diktion gehalten, die man von Philosophen eigentlich erwartet und über die zum Beispiel der Benner Philosoph Litt auch verfügt.

Merkwürdig, aber irgendwie beruhigend wirkte es, auf den verkehrsreichen, engen Straßen Bremens, zwischen amerikanischen Wagen und klingelnden Straßenbahnen Menschen zu entdecken, die sich über Einstein und Kant, über die Vorzüge der phänomenologischen vor der empirischen Methode oder über das Verhältnis von Glauben und Wissen unterhielten. Denn schließlich ist es auch für viele, die nichts mit der Philosophie zu tun haben, eine Erleichterung, wenn sie feststellen, daß es in der Zeit des Koreakonflikts und der Angst vor einem neuen Krieg noch Menschen gibt, die sich hauptsächlich mit ‚Geist" beschäftigen (wenn sich auch dieser Geist auf dem Deutschen Philosophentag in Bremen als nicht ganz frei von den Krankheiten der Zeit erwies). A. M.