E. G., London, im Oktober

Heißes Geld ist wieder einmal unterwegs. Heute wie damals, 1931, muß man zwei Motive für die Wanderungen unterscheiden: die Angst vor Kriegen und Konflikten, also ein "Rettungsmotiv", und die Sucht nach schnellen Gewinnen aus anderer Leute Dummheiten oder Sorgen, eine Sucht, die ein führender englischer Bankier schon vor dem Kriege brutal aber richtig als "Aasgeiermotiv" kennzeichnete.

Zunächst die Symptome: Das Pfund Sterling ist gegenwärtig "gesucht"; wohl die Auswirkung der vorjährigen Abwertung, verkoppelt mit der Hochkonjunktur in Sterling-Rohstoffen, wie Gummi und Wolle. Erhebliche flüssige Mittel des Commonwealth, aus Dollar- wie aus Sterlingverkäufen, sammeln sich in London an. Die Dollar fließen in den Gold- und Dollarpool des gesamten Sterlingblocks in London. So konnte am Ende des dritten Quartals 1950 ein weiterer Zuwachs um 334 Mill. $ auf 2,75 Mrd. $ verzeichnet werden – ohne daß man sich jedoch zur Lockerung der im Vorjahre beschlossenen Kürzung der Dollaraufwendungen um 25 v. H. entschließen konnte. Die Reserven betragen allerdings erst ein Drittel des Standes von 1938. Und Cripps soll eine Reserve von 10 Mrd. $ als "nicht unerwünscht" bezeichnet haben.

Nur muß der Verzicht auf Dollargüter den Ruf nach anderen, mit Sterling bezahlbaren Gütern verstärken! In Australien beispielsweise (und anderwärts) herrscht Warenmangel, weil der Farmer seinen gestiegenen Verdienst wenigstens teilweise "anlegen" will. Die Preise steigen dort rapide. Des Wolle- oder Gummiproduzenten Pfunde drohen somit "aufgestaute Nachfrage" zu werden – und manche Leute in der City beginnen zu fragen, ob auch unter derartigen Umständen die "Ansammlung" von Dollar das allein Richtige sei...

Und was vom europäischen Kontinent an Geld "ins Pfund steigt", will sich eben vom Kontinent absetzen – dort das "Aasgeier"-, hier das "Rettungsmotiv".

Dieses Wanderkapital hat zum Teil ein Ziel. Es will sicher und langfristig angelegt sein. Zu ihm gesellt sich das spekulative Wandergeld, bereit, überall "einzusteigen". Aus den USA und aus Südamerika hauptsächlich, doch auch aus anderen, ruhigeren Gegenden, kommt "Investitionsgeld" nach London, das eigentlich nur Spekulationsgeld ist: die Spekulation geht auf Aufwertung des Pfundes. (Am Terminmarkt hat das Pfund bereits ein kleines Agio von 2 Cents.) Gleichzeitig wandern über 300 Mill. £ aus England nach Australien. Schuld sind die Gerüchte: einmal, London würde aufwerten, ein andermal, Australien tue das – je nach "Hoffnung".

Auch für Kanada war ein Grund zur "Flucht In die freie Kursbildung" der Zustrom spekulativ "hoffenden" Wandergeldes. Bisher hat sich die Vorsicht Kanadas als berechtigt erwiesen. Der freie Kurs hat, in der ersten Woche, nur eine Befestigung um knapp 5 v. H. erfahren; ob der Weg des kanadischen Dollar noch weiter aufwärts führt, erscheint vielen zweifelhaft.

Und was hält man nun in England von alledem? Der kanadische Entschluß zum freien Auspendeln hat vorübergehend in manchem Citymund das Wasser zusammenlaufen lassen. Doch nur sehr kurzfristig: In ruhigen Zeiten könnte selbst England es sehr wohl vertragen, wenn das Pfund einmal auspendeln müßte. Doch dafür müßte man auch zu Hause eine freie Wirtschaft haben – und vor den Toren Frieden... Und Aufwertung? Ja, soll man nicht froh sein, ausnahmsweise eine kleine Reservespanne für Preiserhöhungen und Kostensteigerungen zu haben? Muß man denn diesen (gerade für eine auf viel Sozialpolitik und Konsumpolitik festgelegte, jetzt Zu viel Aufrüstung gezwungene Labour-Regierung) höchst wertvollen kleinen Regenschirm sogleich zum Fenster hinauswerfen, wenn einmal zwei Tage nacheinander die Sonne scheint? Nein, England bleibt bei seinem Pfundkurs vom September 1949 und freut sich des Fettpolsters gegen Inflation nach innen und der dicker werdenden Dollarmauer nach außen.