Die vielfältigen Erörterungen über die übernationale Zusammenfassung von Kohle und Eisen im Rahmen des Schuman-Plans haben die Fragen der Neuordnung der deutschen Grundindustrien für die breitere Öffentlichkeit etwas in den Hintergrund treten lassen. Dabei geht es vor allem um die Verbundwirtschaft von Kohle und Eisen. Das Merkwürdige an dieser Sache ist, daß just diejenige Struktureigentümlichkeit unserer Grundindustrien in Frage gestellt wird, von der man jahrzehntelang mit Recht angenommen hat, sie mache gerade die besondere Stärke unseres Industrieaufbaues aus. Jetzt soll, so scheint es, diese Ansicht als überholt gelten, und im Rahmen der Neuordnung unserer Grundindustrien soll ein grundsätzlicher Abbau der Verbundwirtschaft – wenn auch mit bemerkenswerten Ausnahmen – in die Wege geleitet werden.

Überraschen kann das nicht, denn im Zuge einer Dekartellierungspolitik ist ja eben das Ziel die Entflechtung bisher ineinander verflochtener Wirtschaftseinheiten. Es ist aber zweierlei, ob man sich darauf beschränkt, zu große Unternehmen mit Monopolcharakter zu beseitigen und andere, von denen man eine Marktbeherrschung befürchten zu müssen glaubt, zu reduzieren – oder ob man die Aufgabe so anpackt, daß die Verbundwirtschaft von Kohle und Eisen grundsätzlich in Frage gestellt und weitgehend unterbunden wird. Tut man letzteres, so droht die Gefahr, daß damit ein wesentliches Strukturelement unserer Schwerindustrie zum Opfer gebracht wird, das mit "Machtzusammenballung" und "Industriemagnatentum" nicht das geringste zu tun hat, wohl aber an die technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten unseres Industrieaufbaus überhaupt und damit natürlich auch, an die Frage unserer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt rührt.

Wie konnte es dazu kommen? Die Erklärung dafür ist wesentlich mit in dem Umstand zu suchen, daß bei der Vorbereitung der Entschließungen der Besatzungsmächte über die Neuordnung der deutschen Grundindustrien auf der deutschen Seite bisher fast nur Persönlichkeiten zum Zuge kamen, die – sofern sie überhaupt über eine nennenswerte industrielle Erfahrung verfügten – entweder reine Kohlenfachleute oder aber reine Stahlsachverständige sind. Auf dem Gebiete der Verbundwirtschaft von Kohle und Eisen erfahrene Leute finden sich nur vereinzelt unter ihnen. Daraus folgt ein Übergewicht der Gesichtspunkte von Zechenleitern und Ratgebern auf der Eisenseite, die zudem teilweise gewohnt sein mögen, die Probleme unter dem Gesichtspunkte der Manager-Interessen zu sehen, während jene anderen Gesichtspunkte zu kurz kommen, die eine Kenntnis der Bedeutung und Tragweite der Verbindung Kohle–Eisen aus eigener langjähriger Tätigkeit und Erfahrung voraussetzen. – Es fehlt bei den Beraterfunktionen, die diese deutschen Persönlichkeiten gegenüber den Besatzungsmächten ausüben, auch das Gegengewicht und gegebenenfalls die Korrektur durch Stellungnahme der deutschen Bundesregierung zu den in Rede stehenden Fragen. Durch das Militärregierungsgesetz Nr. 75 und dessen Neufassung als Gesetz 27 haben sich die Besatzungsmächte die Neuordnung der deutschen Grundindustrien als ihre eigene Domäne vorbehalten; daß diese Einstellung auch heute noch auf dem Petersberg gilt, hat das jüngst neuerlassene IG-Farben-Gesetz eben noch bewiesen. Dabei ist deutlich, daß allein die Bundesregierung ein vollwertiger Repräsentant des deutschen Willens in den gesamten Neuordnungsfragen sein könnte; denn nur sie basiert ja auf einem nach demokratischen Grundsätzen gewählten deutschen Parlament.

Verbundwirtschaft von Kohle und "Eisen bedeutet keineswegs etwa nur die technische Verbundwirtschaft im engeren Sinne, d. h. die Zusammenfassung von Zechen und Hütten unter einheitlicher Leitung nur dort, wo sie rein örtlich ohnehin in engstem, betrieblichem Zusammenhang miteinander stehen. Als Strukturelement des Industrieaufbaus umfaßt der Verbund vielmehr die Gesamtheit der wirtschaftlichen Verknüpfungen, die sich zwischen Kohle und Eisen herstellen lassen. Will man den Verbund nur dort fortbestehen lassen, wo er aus Gründen der örtlichen Bedingungen gleichsam naturgegeben ist – so daß man ihn nicht aufheben kann, ohne offenkundig wirtschaftswidrig zu handeln – so hat man damit nicht etwa einen gangbaren Ausweg zur Lösung des ganzen Problems gefunden, sondern setzt sich vielmehr recht eigentlich zwischen zwei Stühle: es wird dann eine einseitige Vorzugsbehandlung gerade für diejenigen Unternehmen vorgesehen, die ohnehin durch natürliche Gegebenheiten schon besonders bevorzugt sind. Man sollte aber den anderen Unternehmungen gestatten, durch die Beibehaltung des Verbundes in allen einschlägigen Sparten der Wirtschaftsführung wenigstens teilweise der Vorteile teilhaftig zu werden, die einige wenige Unternehmen durch ihre örtliche Lage genießen. Wenn der Verbund als gut und angebracht gelten soll, wo zufällig Zechen und Hütten auf dem gleichen Gelände liegen, kann er nicht schädlich und schlecht sein, wo die örtlichen Bedingungen weniger günstig sind, Das hieße: mit zweierlei Maß messen und von vornherein geradezu willkürlich ungleiche Startbedingungen schaffen. Ebenso kann man auch den Verbund nicht für Kohle und Eisen ablehnen, ihn aber gleichzeitig für Kohle und Kohlechemie zulassen; denn wirtschaftsstrukturell ist beides das gleiche. Man kann also die Verbundwirtschaft nur ganz freigeben, wenn man sie an einzelnen Stellen für richtig und unerläßlich anerkennt.

Einer Unterstreichung bedarf noch eine andere Seite der Angelegenheit. Die Sicherung der Rohstoffgrundlage ist eines der wichtigsten Anliegen jedweder Eisenindustrie. Das hat dazu geführt, daß die französische Montanindustrie in Lothringen auf der Basis der dortigen reichen Erzvorkommen eine enge Verbundwirtschaft von Erz, Eisen und Verarbeitung entwickelt hat, auf der naheliegenden Möglichkeit eines Hinzutretens von Kokereien (und von Kohlechemie) sowie der Energiewirtschaft. Die finanzielle’ – und sonstige – Leistungsfähigkeit dieser Gruppen kann im Bedarfsfalle ganz auf die Bedürfnisse des Eisens konzentriert werden, um der französischen Industrie gerade auf dem Eisengebiet den entschadenden Vorsprung zu sichern, zu dem bereits mancherlei Ansätze entwickelt wurden. Just im Zeichen des Schuman-Plans nun gleichzeitig bei uns, also bei dem in mancher Hinsicht in schwieriger Lage befindlichen deutschen Gegenspieler und künftigen Partner, den an der Ruhr sozusagen naturgegebenen Verbund von Kohle und Eisen zu zerschlagen, wäre ein Vorgang, zu dessen Begründung Argumente aus dem Bereiche wirtschaftspolitischer Vernunft schwerlich herangezogen werden können. Auch das darf nicht vergessen werden, daß Gruppen der französischen Eisenindustrie (und die luxemburgische Arbed) über eigene Zechen im Rheinland und an der Ruhr verfügen, d. h. eine Verbundwirtschaft unterhalten, die selbstverständlich niemand in Frage stellt. In den USA schließlich werden Eisen- und Stahlunternehmen, die nicht über eine eigene Kohlenbasis verfügen, schon deshalb nach dem Urteil amerikanischer Fachleute als weniger konkurrenzfähig angesehen ...

Die Verbundwirtschaft schließt es keineswegs aus, dem Zechenteil der Unternehmungen eine rechtliche Selbständigkeit einzuräumen, die es ihm ermöglicht, in allen allgemeinen Fragen "den Gesetzen der Kohle zu folgen", wohingegen freilich Ersatzvorschläge wie feste Liefer- oder Interessengemeinschaftsverträge und dergleichen nicht zum Ziele führen dürften, sondern vielmehr nicht endenden Streitigkeiten und Prozessen nur Tor und Tür öffnen würden. ***