Die Besatzungsmächte hatten bald nach Kriegsende über das Gesetz Nr. 56, "Verbot der übermäßigen Konzentration deutscher Wirtschaftskraft", die "Dekartellierung" aller Firmen, die mehr als 10 000 Mann beschäftigen, vorgesehen. Bei ihnen wurde untersucht, ob sie nach ihrer Bedeutung und Größe eine "übermäßige Wirtschaftsmacht" darstellen oder ob sie auf Grund ihrer Patent- und Vertragsstellung "den freien Handel gefährden". In den Vereinigten Staaten ist die Größe des Unternehmens an sich noch kein Verstoß gegen das Anti-Trustgesetz; aber in Deutschland wird ein anderer Maßstab angelegt.

Der Fall der IG-Farben ist bekannt, ebenso die noch während der New Yorker Konferenz verfügte "Regelung" für sechs Stahlkonzerne. Seit Jahren kämpft, was weniger beachtet worden ist, auch die Robert Bosch GmbH, in Stuttgart gegen ihre Auflösung. Sie erhielt Ostern 1948 einen Bescheid, der eine weitgehende Verselbständigung ihrer verschiedenen Werke vorsah, die über West- und Ostdeutschland verstreut sind. Begründet wurde diese Anordnung damit, daß der sogen. Bosch-Konzern eine "übermäßige Konzentration von Wirtschaftskraft" darstelle, indem der größte Teil der deutschen Erzeugung von Diesel- und Vergasermotoren für Kraftwagen, sowie von Radios (und Fernsehgeräten) von den Boschbetrieben abhängig sei. Ferner wurde behauptet, daß die Firma Bosch durch "Lenkung der Verteilung" die wirtschaftlicheTätigkeit innerhalb Deutschlands (und darüber hinaus) beeinflussen und regeln könne, und daß die monopolartige Stellung von Bosch weitgehend dazu beigetragen. habe, den Wettbewerb innerhalbDeutschlands auszuschalten oder zu verringern und den zwischenstaatlichen Handel auf wesentlichen Wirtschaftsgebieten einzuschränken. Der Einspruch der Robert Bosch GmbH. führte im Sommer vorigen Jahres zu einer "endgültigen Festsetzung und Anordnung" der zweizonalen Entkartellierungskommission, gegen die schließlich ein neuer Einspruch möglich war, der heute noch nicht erledigt ist.

Im wesentlichen hat der Entkartellierungsbescheid bei der Firma Bosch nur den Stuttgarter und den Feuerbacher Betrieb, die Eisenmann-GmbH. und die Verkaufshäuser belassen wollen. Aus dem Firmenverband sollten sich vollständig und dauernd lösen alle übrigen Werke und Tochtergesellschaften, so Reparaturbetriebe (und -betriebsteile) in Stuttgart und Umgebung, das Zündkerzenwerk in Bamberg, das für das in Feuerbach im Krieg zerstörte errichtet wurde, die Trillke-Werke GmbH, in Hildesheim, die Lichtmaschinen und Anlasser für schwere Fahrzeuge herstellen, die Blaupunkt-Werke in Berlin und Hildesheim, die Junkers u. Co. GmbH, in Dessau und viele andere.

Demgegenüber hat die Firma Bosch GmbH, in ihrem Einspruch folgende Gesichtspunkte geltend gemacht: Erstens. Die Firma habe niemals und auf keinem Gebiet eine Monopolstellung besessen; sie verfüge über keine übermäßige Wirtschaftskraft im Vergleich mit dem Ausland; sie habe weder deutsche noch fremde Wirtschaftsgruppen planmäßig beeinflußt; sie habe niemals in ihren Patenten eine Abriegelungspolitik verfolgt und sie wehre sich dagegen, daß ihre Lizenzen, die sie mit den loszulösenden Betrieben kostenlos abgeben solle, als geistiges Eigentum verschleudert werden. Zweitens. Der Kernbetrieb, der sich mit Kraftfahrzeug Zubehör beschäftigte, sei so sehr mit den einzelnen Betriebsteilen und Splitterbetrieben verbunden, daß diese ohne das Stammwerkin Stuttgart nicht lebensfähig seien. Die Loslösung des Zündkerzenwerkes in Bamberg, die einzige Fertigungsstätte von Bosch-Zündkerzen, würde die Zerschlagung einer fünfzigjährigen Tradition, einen technischen Rückschritt für Vergasermotoren und einen Rückgang der Bosch-Exporte bedeuten, Bamberg selbst aber würde ohne Konstruktionsabteilung sein, weil das Werk nur die Fabrikation betreibt, ohne Einkauf und ohne Verkauf; es. müßte sich erst eine eigene Organisation zum Kundendienst schaffen, und dadurch würden seine Erzeugnisse wesentlich verteuert werden. Die Trillke-Werke in Hildesheim seien die einzigen Fertigungsstätten für große Lichtmaschinen und schwere Anlasser. Sie seien hinsichtlich der Konstruktion und der Spezialteile auf das Stammhaus in Stuttgart angewiesen und wären nach einer Abtrennung von diesem weder im In- noch im Ausland wettbewerbsfähig. Drittens. Die Tochtergesellschaften, wie Junkers, Dessau, Blaupunkt, Berlin und Hildesheim, die Fernseh-GmbH. in Taufkirchen und die Filmgerätefabrik Eugen Bauer in Stuttgart bedeuteten keinen Beitrag zu einer übermäßigen Wirtschaftskraft, zumal große Teile eben dieser Wirtschaftskraft im Kriege verlorengegangen seien. Aber diese seien fast alle aus finanziell beengten undzerrütteten Verhältnissen durch die Übernahme von der Robert Bosch GmbH. zu gesunden Unternehmen entwickelt worden, Die Wegnahme würde eine Strafe für jahrelange Opfer an Zeit, Geld und Mühe bedeutet.

Diese Argumente scheinen wenig Eindruck bei den amerikanischen Behörden gemacht zu haben. Denn in einem Bericht der Federal Trade Commission in Washington an das amerikanische Kriegsministerium vom 15. April 1949 wird ungeachtet der deutschen Einwände wiederum betont, daß Bosch vor 1939 eine weltweite Monopolstellung in seiner Art gehabt habe. Der Bericht erhob daher erneut die Forderung nach der Zerschlagung des Konzerns. Anfang September 1950 unternahm nun die Entkartellierungsabteilung der Alliierten Hohen Kommission einen neuen Schritt in dem Verfahren, indem sie nämlich ihren "Record", das heißt das in dem Verfahren vorgelegt! Beweismaterial, der Robert Bosch GmbH, zustellteDamit begann die Frist von 60 Tagen zu laufen, innerhalb derer die Geschäftsleitung von Bosch die Begründung ihrer Berufung einzureichen hat.

Ein Vergleich der Kapitalkraft der Robert Bosch GmbH, mit ähnlichen Betrieben zeigt, daß die Firma erheblich hinter den bekannten Großunternehmen rangiert: besonders den amerikanischen, wie General Electric, General Motors, US Steel, Betlehem Steel, vor allem dem Familienbaitz Dupont, mit Aktiven über 1,2 Mrd. 8, und dem größten englischen Wettbewerber Boschs, der Joseph Lucas Ltd., Birmingham. Wenn Bosch dennoch im Ausland eine gewisse Bedeutung hat und die Alliierten so großen Wert auf die

Entflechtung legen, so kann, man dem nur entgegenhalten, daß die Firma nicht durch rigorose Wirtschaftspolitik, sondern durch gute, solide Konstruktionsarbeit sich Weltruf erworben hat. Sie hat sich auch in den zwei Generationen ihres Bestehens, gemäß der Auffassung ihres Begründers, Dr. Robert Bosch, durch eine vorbildliche Sozialpolitik ausgezeichnet. Deshalb versteht man nirgends, wo man die Interna der Robert Bosch GmbH. kennt, die Hartnäckigkeit, mit der die Alliierten an die Zerschlagung dieses Betriebes gehen. Bruno Lenz