Daß bei Auktionen von Kunstwerken und altenBüchern die deutschen Bieter gegenüber den amerikanischen an Nachteil kamen, war oft zu beobachten. Um so bemerkenswerter ist ein Akt der Selbsthilfe, der sich Ende September bei der größten Veranstaltung dieser Art seit 1945 ereignet hat. Auf Schloß Wittgenstein bei Laasphe an der Lahn wurden die Bibliotheken des fürstlichen Hauses Sayn-Wittgenstein, insgesamt 20 000 Bände, versteigert – darunter eine theologische Sammlung, die deshalb von ganz besonderer Wichtigkeit ist, weil sie aus der Zeit stammt, wo die Fürsten Sayn-Wittgenstein-Berleburg den Pietismus förderten und die auf die "Berleburger Bibel" gegründete Freikirche in Nordamerika eine neue Heimat fand. Für die Nachkommen jener Auswanderer ist das Schrifttum ihrer Gründerzeit natürlich von besonderem Interesse, und so waren die namhaftesten deutschen Antiquare beauftragt, die Sammlung für Amerika zu ersteigern.

Aber es kam anders. Als Professor Frick, der Direktor des Theologischen Instituts an der Marburger Universität, ein erstes Gebot für die ganze Sammlung abgegeben hatte, erhob sich der Direktor der Universitäts-Bibliothek Münster, Professor Weber, und forderte alle Versteigerungsteilnehmer auf, dies Gebot nicht zu überbieten und den eigenen Handelsvorteil hinter dem nationalen Interesse zurücktreten zu lassen.

Der Appell wurde befolgt. Keiner der Antiquare überbot den ersten Bieter, und die Berleburger Bibel wird mit sämtlichen anderen theologischen Stücken als "Wittgensteinische Bibliothek" nach Marburg können. W. V.