Getulio wird wiederkommen!" Diese mit

grellen Farben an Hauswände und auf Straßenasphalt gemalte Drohung des "kleinen Mannes" an diejenigen Kreise, die am 25. Oktober 1945 durch einen unblutigen Militärputsch den brasilianischen Staatspräsidenten Dr. Getulio Vargas zum Rücktritt gezwungen hatten, ist durch die Wahl "Getulios" zum Staatspräsidenten am 3. Oktober wahrgemacht worden. Nach jenem Putsch hatte der damals 62jährige Staatsmann das Präsidenten-Palais in Rio de Janeiro verlassen, um auf dem alten Landsitz der Vargas in Sao Borja nahe der argentinischen Grenze das Leben eines Farmers und Gauchos zu führen. Nur selten kam er noch in die Hauptstadt zu wenigen Sitzungen des brasilianischen Senats, in den er als Vertreter seines Heimatstaates Rio Grande do Sul gewählt worden war. Im Juni dieses Jahres jedoch erklärte er überraschend, er habe dem "Druck politischer Kreise und dem Verlangen des Volkes" nachgegeben und werde als Vertreter der "Arbeiter-Partei" für die Präsidentschaft kandidieren.

Mit Getulio – so wird er von den Brasilianern stets genannt –wurde der populärste der vier Kandidaten gewählt Er ist im Volk von einem Mythos umgeben, demgegenüber jede Kritik an seiner früheren diktatorischen Regierung verstummt. Denn für die große Masse ist Vargas der Präsident, der als erster mit einer Sozialgesetzgebung in Brasilien begann und der, wenn er wieder an das Ruder kommt, diesen Kurs fortsetzen wird. Der "kleine Mann" weiß, daß Getulio unbestechlich ist, sich nicht bereicherte und auch auf dem Höhepunkt seiner Macht das blieb, was er von Kind auf war: der Sohn einer Soldaten- und Farmerfamilie.

Der junge Getulio ergriff zunächst den Soldatenberuf des Vaters, sattelte aber mit 21 Jahren um und entschied sich für das Rechtsstudium, das er als Doktor der Rechts- und Sozialwissenschaften abschloß. 1923 wurde er in das Bundesparlament gewählt. Drei Jahre später war er Bundesfinanzminister und am 3. November 1930 übernahm er nach einer erfolgreichen, mit Hilfe der Armee durchgeführten Revolution als vorläufiger Bundespräsident die Regierungsgewalt. In den folgenden 15 Jahren seiner Regierung wechselten Perioden reiner Diktatur mit einem verfassungsmäßig verbrämten autoritären Regime ab. Es bedurfte seiner außerordentlichen persönlichen Gewandtheit, sich gegenüber den zahlreichen in- und durcheinandergreifenden Machtgruppen und Parteien des Landes durchzusetzen, die er meisterhaft zu trennen und gegeneinander auszuspielen verstand. Einem bezwungenen politischen Gegner begegnete Vargas nie mit Haß- und Rachegefühlen. Vielmehr folgte jedem Aufruhr und Revolutionsversuch eine versöhnliche Amnestie.

Der geschickte innenpolitische Taktiker erwies sich auf außenpolitischem Gebiet als ein kluger Diplomat. Die ihm in der Vorkriegszeit und auch während der ersten Kriegsjahre vorgeworfene Deutschereundlichkeit änderte sich in jenem Augenblick, da er 1942 erkannte, daß eine Niederlage der Achsenmächte unvermeidbar sein würde. Mit dem Tode Roosevelts, der ein echter Freund von Vargas war, und nach dem Siege der Alliierten vollzog sich eine grundlegende Wandlung in den Beziehungen Washingtons zu dem "Diktator", wie er von nun an für das State Department hieß. Vargas selbst führt seinen Sturz im Oktober 1945 zu einem nicht geringen Teil auf die Tätigkeit des damaligen USA-Botschafters in Rio de Janeiro, Adolf Berle, und seines Kollegen in Buenos Aires, Braden, zurück. Braden wurde bald darauf abberufen und zum Unterstaatssekretär für Lateinamerika im State Department ernannt!

Getulio ist zwar gewählt worden, aber noch nicht an der Macht. Erst am 31. Januar 1951 wird er den derzeitigen Präsidenten General Dutra ablösen. Bis dahin kann sich in einem Lande politischer Leidenschaften mancherlei ereignen, zumal die Wahl von Vargas nicht nur für Brasilien, sondern ebenso für die anderen, lateinamerikanischen Staaten, vor allem aber auch für Washington bedeutsam ist.

Ernst Krüger