Man muß einige Vorstellungskraft aufbringen, um die Schicksalslast dieser Zahlen zu begreifen. Was für ein ungeheurer Eingriff in die menschliche Substanz ist hier erfolgt! Der einstige Bauer, von Generationen her auf eigenem Boden, ist landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter. Der Förster hat Saisonarbeit als Nachtportier in einem Gasthof. Der ehemalige Beamte oder Berufsoffizier geht in die Fabrik. Die Hausfrau, die früher aus dem vollen wirtschaftete, hat einen Kocher für ihre sechsköpfige Familie, die in einem Raum von ein paar Quadratmetern lebt; oder sie darf vielleicht eine fremde Küche mitbenutzen, falls sie sich mit der Inhaberin nicht schon längst zerstritten hat. Wer als Arbeitsloser ausgesteuert ist, lebt als Haushaltungsvorstand von 29 Mark pro Monat, die Ehefrau bekommt 21, ein Kind 18 Mark. Solche Renten- und Unterstützungsempfänger, die aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, gibt es heute siebenmal so viel, wie in der Zeit vor der Flucht.

Trotzdem wird man immer wieder feststellen können, daß sogar in der Trostlosigkeit solcher Existenzen die menschliche Haltung von einst noch hindurchschimmert. Der soziale Abstieg hat im großen ganzen keine Proletarisierung bewirkt. Gerade’ diese Menschen aus den deutschen Ostprovinzen sind in einem sehr ausgeprägten bürgerlich -bäuerlichen Bewußtsein aufgewachsen. Nur wenige unter ihnen standen vorher im sozialistischen Lager. Und vornehmlich daraus erklärt sich die politische Entwicklung in Schleswig-Holstein, die dem BHE einen so überraschenden Erfolg gebracht hat, so daß diese neue Partei rund die Hälfte aller von Flüchtlingen abgegebenen Stimmen in sich vereinigte. Nach seinen programmatischen Erklärungen will der BHE ideologisch weder nach der bürgerlichen noch nach der sozialistischen Seite hin gebunden sein. Er versucht eine taktische Position zwischen den alten Parteien einzunehmen, die den Gefühlsschwankungen der Flüchtlinge zwischen ihrer besitzbürgerlichen Tradition und den Forderungen ihrer heutigen deklassierten Existenz entspricht

Zunächst sind die Führer des BHE, Waldemar Kraft, der neue Finanzminister, und Dr. Gille bester Hoffnung. Sie sind überzeugt, daß die Kommunalwahlen ihnen einen weiteren großen Zuwachs bringen werden, nicht nur von den Flüchtlingen, sondern aus den Reihen aller, für die der Anspruch auf sozialen Ausgleich an erster Stelle steht. Angesichts der verzweiflungsvollen Zustände in weiten Teilen des Landes scheint uns diese Prognose begründet zu sein, freilich aber auch die Gefahr, daß die hochgespannten Erwartungen der Wählerschaft das bescheidene Maß der Wirkungsmöglichkeiten auch dieser neuen Regierung bei weitem übersteigen. Ob eine Enttäuschung der Wähler sich dann über die jetzige Auffangstellung des BHE hinweg im Radikalismus um Hedler und Reimer entladen würde, der bei der letzten Wahl völlig zusammengeschrumpft ist? Diese Frage, die vor allem von den alten Parteien gestellt wird, braucht uns aber noch nicht zu beunruhigen. Und erst recht nicht in den anderen Ländern des Bundes, wo die Flüchtlinge ihren wesensgemäßen politischen Anschauungen stärker verhaftet bleiben, weil ihre Eingliederung unter günstigeren Voraussetzungen erfolgen kann. Zu einem geringen Teil sogar so günstig, daß zum Beispiel die Flüchtlingsfamilie, von der einleitend die Rede war, heute nur noch die Bayernpartei anerkennt, als einzigen Hort ihrer wiederstabilisierten staatsbürgerlichen Moral...