Ein neuentdecktes Haydn-Konzert

Wien, im Oktober

In unserer Epoche der Rückblicke auf "bessere "Zeiten" nimmt es weiter nicht wunder, wenn aus auch ein bisher unbekanntes Werk von Joseph Haydn der Vergessenheit entrissen wird. Zwar haben Haydn-Forscher vom Vorhandensein der Stimmen eines A-Dur-Violinkonzerts im oberösterreichischen Stift Melk gewußt, aber "entdeckt" hat das Werk erst jetzt die junge Musikwissenschaftlerin Christa Fuhrmann, die im Auftrage der Haydn-Society-Boston (USA) als Herausgeberin der im Erscheinen begriffenen neuen Haydn-Gesamtausgabe in österreichischen Benediktinerklöstern Quellenforschungen trieb. Daß dies notwendig war, ist um so unbegreiflicher, als von Haydn bisher bekanntlich nur drei Violinkonzerte vorhanden waren, und die Wiener Uraufführung des inzwischen auch im Druck erschienenen neu aufgefundenen Werkes bewies, daß es die beiden für Luigi Tomasini, den Konzertmeister der Esterházy-Kapelle in Eisenstaidt, geschriebenen in B- und C-Dur wenn nicht an Tiefe so doch an Virtuosität und Glanz übertrifft, von dem nicht ganz sicher von Haydn stammenden, jedenfalls aber weit früher liegenden in G-Dur ganz zu schweigen. Die Echtheit des Fundes ist nicht anzuzweifeln, da die Themen in Haydns eigenen thematischen Katalogen verzeichnet sind.

Das für Streicher mit Continuo und je zwei Hörner und Oboen gesetzte Werk, dem der junge österreichische Komponist Anton Heiler stilgerechte Kadenzen zufügte, wurde nun nach fast 200 Jahren – seine Entstehung ist in die Jahre 1761 bis 1769 zu legen – in Wien uraufgeführt. Um das musikgeschichtliche Ereignis machten sich die ausgezeichnete Edith Bertschinger und das Wiener Kammerorchester unter Leitung Franz Litschauers mit größtem Erfolg verdient. Hans Rutz