Victor Gsovsky in München

München, im Oktober

Die Berufung von Victor Gsovsky als maître de ballet an die Bayerische Staatsoper in München ist ein außerordentliches Ereignis. Gsovsky, der während der Hitlerzeit nach Paris emigrierte, ist einer der bedeutendsten Bewahrer der großen klassischen Tradition. Er zählt zu jenen russischen Choreographen, die – noch unter der Ausstrahlung Petipas und Fokins stehend – die orthodoxe Tabulatur als ein unantastbares Gesetz anerkennen und dennoch genug an innerer Freiheit und! schöpferischem Elan besitzen, um Gestalt und Gehalt dies Balletts in glücklicher Entsprechung, in formaler Schönheit und lebendiger Frische zu halten.

Seit Isadora Duncan vom "Ausdruck der Degeneration, des lebendigen Todes" gesprochen hat und für das Ballett nur ein Adjektivum, nämlich "steril", gelten ließ, hat das expressionistische Gefolge den "natürlichen, freien Ausdruck" als German Dance auf unsere Bühnen gebracht. Die Ballette hießen von da an Tanzspiel, aus dem Corps de ballet wurde die Tanzgruppe. Wie in so vielen parallelen Fällen hatte die Tanzkunst fast für ein halbes Jahrhundert über dem "Ausdruck" die Form vergessen. Die objektive Tabulatur schien dem individuellen Erlebnis wenn nicht im Wege zu stehen, so doch überflüssig zu sein.

Das Münchner Staatsopernballett, das seinerzeit mit Marcel Luiparts Abraxas-Uraufführung viel Erfolg bei Kennern und Publikum, aber eine ministerielle Maßregelung erntete, hatte seit Luiparts Weggang nur Pech. Außer der "Puppenfee" kam innerhalb zweier Spielzeiten ein einziger Ballettabend heraus, der – allerdings mit unzulänglichen Voraussetzungen – sich an zwei großen Werken versuchte: an Strawinskys "Orpheus" und dem "Sacre du printemps", jenem frühen Ballett, an dessen Darstellung einst sogar Diaghilew scheitern mußte. Um die Unglückssträhne zu beenden und die permanente Unzufriedenheit der Kritik endlich zum Verstummen zu bringen, konnte man keine bessere Lösung finden, als einen Mann von so unbestrittener internationaler Geltung zu berufen. In Victor Gsovskys Gefolge kommt Irene Skorik, die wie ihr Meister zuletzt dem Pariser Ballet des Champs Elysées angehörte, als Primaballerina an die Bayerische Staatsoper. Mit einem der "weißen Ballette", nämlich mit "Schwanensee" zur Tschaikowsky-Musik, eröffnet Gsovsky in München das neue Ballett-Zeitalter. Ein klares Bekenntnis zur großen Tradition. OFR