Unsere Filmwirtschaft macht sich zu interessant. Weil die Filmleute, dieses Gemisch von materiell und künstlerisch Interessierten, an viel Publizität gewohnt sind, waschen sie auch ihre schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit, so öffentlich, daß eine Falschmeldung die andere jagt, Dementis sich überhasten und die Wahrheit nicht mehr geglaubt wird.

Dabei sind sich theoretisch alle widerstreitenden Parteien einig; denn sie haben ja ihre SPIO, die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft. Sie soll für alle Zweige sprechen. Praktisch macht aber jeder, was er will. Nur ein Beispiel: die Produzenten kämpfen untereinander. Curt Oertel ist (auch nach eigenen Fehlern) über diesen Kampf gestolpert. Er ist jetzt nur noch Ehrenpräsident der SPIO. Zu sagen hat er nichts mehr. Schade, daß dieser hervorragende Künstler sich überhaupt auf dieses glatte Parkett begeben hat. Die Produzenten machen nämlich zum Teil auf "national", zum Teil auf "international". Gemeinsam aber behauptet man, 997 Filme seien im letzten Jahr in Deutschland gezeigt worden. Bei einer Aufnahmefähigkeit des Marktes von 250 Filmen soll das Geschäft rentabel sein. Wie diese Zahlen zustande kommen, das hat man nicht gesagt. Beweisen aber wollte man mit ihnen, daß die neue deutsche Produktion unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht lebensfähig sei. Sie ist es auch nicht, weil ihre Filme nicht gut sind (Tendenz: "totsichere Klamotte" versierter Handwerker nach altem Stil, ohne Berücksichtigung der veränderten geistigen und soziologischen Struktur der Konsumenten), und weil ferner der Markt die Startgerechtigkeit – diese Voraussetzung echter Konkurrenz – nicht bietet. Es sind wirklich zuviel ausländische, insbesondere amerikanische Filme "da". Aber wenn man gegen diese Verhältnisse angehen, sie ändern will, dann kann man doch bei der Wahrheit bleiben! Sie lautet, daß im Verleihjahr 1949/50 genau 318 ausländische Filme importiert und neu aufgeführt wurden, daß unter Berücksichtigung aller Zweifel 1949/50 das effektive Angebot – Neuproduktion, alte deutsche Filme, alte und neue Importe – bei 650 Filmen im Höchstfall gelegen hat. Und weiter ist nach einem eindeutigen objektiven Gutachten festgestellt worden, daß der Markt im Jahr 330 bis 350 Filme vertragen kann. Das sind andere Zahlen als die geläufigen. Und sie sind noch immer schlagend genug, um an Hand dieses Materials Gespräche über irgendeine Form, der Importkontrolle zu führen.

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Auch in Bonn sollte man genauer sein. Seit sechs Wochen wird behauptet, die deutsche Lex Ufa sei fertig, die Alliierten wüßten Bescheic. Wahr ist, daß der Gesetzentwurf erst seit wenigen Tagen auf dem Petersberg vorliegt. Er kommt etwas spät; denn am 15. November wird in Wiesbaden (bei der Afifa) die erste Versteigerung nach den Richtlinien des alliierten Ufa-Entflechtungsgesetzes durchgeführt.

Der Bonner Entwurf zeigt mehr Harmonie als der vom Petersberg. Nach ihm kam sich eine Filmindustrie entwickeln. Nach ihm kann der gegenwärtige Status, der praktisch nur Filmhandwerk erlaubt, überwunden werden – wenn der Entwurf noch rechtzeitig Gesetz wird Hier, geht es immerhin um 40 bis 50 Milliarden DM echtes Filmgeld.

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Die Gemeinden und Länder machen je eine eigene Filmsteuerpolitik. Der Bund will eingreifen. Die Länder wehren sich mit föderalistischen Gründen. Geholfen wird so niemandem.