Die Sowjetunion tut sich viel auf die dichterische Kunst ihres Bundesgenossen Mao Tsetung zugute. Das ist insofern irreführend, als in China das Dichten nie eine professionelle Angelegenheit war, sondern jederzeit von Kaisern, Feldherren und anderen Würdenträgern, aber auch von Angehörigen der breiten Volksmasse geübt wurde. Was es mit der Lyrik Maos im besonderen auf sich hat, wird im folgenden untersucht und erläutert.

Daß chinesische Lyrik einem impressionistischen Malen vergleichbar sei, darf nicht so genommen werden, als gäbe es zwei unabhängige Phänomene, Vers und Bild, die man nachträglich in Relation setzen könnte. Impressionen haben und geben, Verinnerlichtes als Inneres ausdrücken – ob aus diesem Keim chinesischer Kunst Gedichte oder Gemälde sich lösen, bleibt belanglos, da die Technik andeutender Pinselstriche, die Thematik ungefährer Stimmungen dieselbe ist, wie auch Maler und Dichter oft identisch waren.

"Das Volk hungert, weil seine Oberen zu viel Steuern fressen – darum hungert es... Das Volk nimmt den Tod leicht, weil seine Oberen nach dem Leben gieren – darum nimmt es den Tod leicht. Doch wer sich nichts aus dem Leben macht, ist weiser als der, dem es zu viel gilt." (Das sagt Lao-tse im Te King.) Nach innen wendet sich und bei Eindrücken, die das Ich nicht stören, verweilt, wer am Äußeren sein Ungenügen fand. Mag er den Tod leicht nehmen, mag er nach dem Leben gieren: das Häßliche wird verbannt – hinter das Glas des Übermuts oder den Schleier der Resignation. Zwar überwiegen die, dienen das Wort des Lao-tse Weisheit zuspricht, Weisheit aus Entsagung; doch geben die folgenden Verse Li Tai-po’s (als Beispiel tausend anderer) vielleicht nicht zufällig nur Schönheit, verschweigen das andere.

Vor dem Bett

sehe ich Mondglanz.

Liegt so

auf dem Boden Reif?