Die Widersprüche der vier Evangelien in der Erzählung von den Frauen am Grabe Jesu haben Lessings Streit mit dem Hauptpastor Goeze und schließlich die Entstehung des "Nathan" zur Folge gehabt. Sie sind ein Hauptstück der Bibelkritik geblieben und mußten immer wieder als Indiz für den mehr fabulierenden als historisch treuen Charakter der ehrwürdigen Texte dienen. Daß die Auferstehung Christi ein Mythos ist – so ging die Schlußkette –, erkennt man bereits an den Unstimmigkeiten der Berichte darüber. Es schienen nur noch literarhistorische Probleme vorzuliegen – die älteste Quelle, die Abhängigkeiten, die Ausschmückungen. Bis nun ganz neuerdings, und gerade in einer Zeit, wo die protestantische Theologie sich um die "Entmythologisierung" des Christentums bemüht, ein protestantischer Theologe, der Engländer Frank Morison, den entgegengesetzten Beweis führt: daß sich, wenn man die evangelischen Erzählungen nur richtig liest, mit der Uhr in der Hand, den Stadtplan von Jerusalem vor Augen und den politischen, soziologischen und psychologischen Gegebenheiten jener Tage im Kopf, ein völlig stimmendes Bild der Hergänge ergibt, bei dem nur ein winziges Detail nicht mit dem normalen Verstände zu verstehen ist: "Wer wälzte den Stein?" Die geradezu kriminalistisch scharfe Beweisführung mündet unentrinnbar in den Schluß, daß hier der kritische, skeptische, aufgeklärte Geist der unvoreingenommenen Forschung das historische Faktum eines Wunders anzuerkennen hat – eben das Wunder der Auferstehung Jesu. Der weitere Nachweis Morisons, daß Jesus in seinen letzten Tagen seine Auferstehung selbst seinen Jüngern verkündet hat, dient nicht, wie sich vermuten ließe, als Erklärung für eine übersteigerte Glaubensbereitschaft bei seinen Anhängern – denn eben die Jünger waren ja nicht Zeugen des leeren Grabes.

Das, wie man sieht, sehr aufregende (bei Christian Wegner in Hamburg deutsch erschienene) Buch macht unzählige Streitgespräche überflüssig und zeigt allen, die an "so etwas" nicht glauben mögen, daß ihr Unglaube ein Eingriff in die Rechte der Vernunft ist. Denn eben die Vernunft muß Wunder als möglich gelten lassen, da es keine Instanz gibt, aus der ihre Unmöglichkeit folgt. Nur: jedes Wunder muß glaubhaft gemacht werden, und die Zeugnisse darüber müssen sich vor der Nachprüfung bewähren.

Das ist die methodische Lehre aus Morisons exakter Analyse der Geschehnisse am Ostermorgen. Christian E. Lewalter