Von Erika Müller

Mit jedem Blick in den Spiegel sieht man den Tod an der Arbeit wie Bienen in einem gläsernen Bienenkorb." Diese Weisheit schrieb Jean Cocteau in seiner im Jahre 1926 in Paris erstaufgeführten Tragödie "Orpheus" nieder, in der er selbst eine Hauptrolle spielte. Aus ihr hat er nach Jahrzehnten den gleichnamigen Film geschaffen, den er weit vorgetrieben hat in filmisches Neuland. Es ist der Stoff aus der griechischen Mythologie, von einem Künstler des 20. Jahrhunderts interpretiert, so sichtbar mit magischer Zauberkraft in der jüngsten künstlerischen Ausdrucksform interpretiert, daß wir jäh den Boden unter den Füßen verlieren. Durch Spiegel, deren Glas zu Wasser wird, taucht man ein in das jenseitige Land des Todes, wo unter den Ruinen der Vergangenheit das Leben nach noch strengeren Gesetzen abläuft als im Diesseits. Dort lügt man nicht, dort gibt es kein Vielleicht, dort werden harte Befehle ausgeführt, die übermittelt werden "wie von Negertrommeln im afrikanischen Urwald" von einer Macht, die irgendwo im Nirgendwo ist.

Orpheus, der Dichter aus Paris, darf noch ein drittes Mal in die Welt diesseits der Spiegel zurück, obwohl er Eurydike verbotenerweise angesehen hat: er darf zurück, weil jemand sich für ihn opfert, damit der Dichter Unsterblichkeit gewinne. Dies sich opfernde Wesen ist der – Tod, eine Personifizierung des Todes. Ein Tod, der sich den Menschen-nicht mit Sense und Sanduhr naht; Todeshelfer auf knatternden Motorrädern künden ihn an, der in Gestalt einer kalten, strengen Schönheit kommt, in weiblicher Gestalt, als Prinzessin des Todes (Maria Gasares). Der Realismus der Irrealität: Diese Todesgöttin ist eine Tote, die sich unter den Lebenden des Lebens erinnert und bereit ist, um der Liebe willen ihre Aufgabe zu verraten und Orpheus dem Leben zurückzugeben. Sie empfängt dafür harte Strafe und muß in die tiefsten Tiefen des Todeslandes hinabtauchen, zusammen mit ihrem Chauffeur Heurtebise, der, ein Toter, Gefühle zeigt für Eurydike, eine kleine Hausfrau, die das Leben wie ein Drama durchmacht, ohne es zu verstehen.

Das Spiel ist vielschichtig, verblüffend und fordert von dem Zuschauer geistige Anstrengungen. Die Worte gehen bis an die Grenzen des Verständnisses dort, wo sie von den Sendern des Jenseits kommen "Das Schweigen schreitet rascher rückwärts – zweimal" – "Ein Glas Wasser erleuchtet die Welt" – "Der Vogel singt mit dem Finger". Nur Orpheus, der Dichter, versteht sie. "Verschließ dein Ohr gegen den Sinn und lausche dem Mysterium", herrscht er Eurydike an, die nicht begreift. Sein Leben fing an, nach Anerkennung und Tod zu riechen. Nun lauscht er dem Unbekannten und kann wieder schaffen. "Was denkt der Marmor, aus dem der Bildhauer ein Meisterwerk bildet. Er denkt: ‚Man quält mich!‘ Das Leben baut zu und macht aus mir ein Meisterwerk. Ich muß seine Schläge ertragen, ohne sie zu begreifen", das ist Orpheus’ Erkenntnis. Doch trägt der Dichter nicht die gegeißelten geistvollen Züge Jean Cocteaus, der während der Hamburger Fest Vorstellung im Esplanade-Theater unter den Zuschauern saß, sondern nach dem Willen des Schöpfers hat er das Heldisch-Athletische seines Lieblingsdarstellers Jean Marais.

Man könnte sich auch allein dem Augenschein dieses in wahrem Sinne schönen Films überlassen. Man kann dort sehen, was man noch nie gesehen hat, und Gefilde betreten, die sonst nur der Phantasie vorbehalten waren. Mit einem Einfallsreichtum und einem Wagemut wird hier die filmische Sprache gesprochen, daß man erregt und beglückt ist durch die Fülle der sorgfältig genutzten technischen Möglichkeiten. Dieser Film ist gereift und bis ins Letzte ausgefeilt. Dazu ein: kongeniale bezwingende Musik (Georges Auric). Und da Jean Cocteau der Schöpfer des Films ist, erleben wir Paris im Extrakt: das Café der jungen Poeten (sind es junge Existentialisten? Sartre selbst sagte ihm kürzlich, er wüßte ehrlich nicht, was das sei, erzählt Cocteau) und des Frauenklubs der Bacchantinnen, ein innig umschlungenes Liebespaar, eine Pariser Marktfrau...

Man taucht wieder auf aus diesen Bildern zwischen Tod und Leben, denen man sich mit einem Schauder zwar, aber voller Neugier hingab, man taucht wieder auf mit einem Schock und einem leicht hilflosen Lächeln, als habe man die Welt gläsern gesehen. Doch man fühlt –: man stand vor der Scheibe und merkt an der Stirn ihre blanke Kühle. Es ist ein Werk, das nicht Emotionen erweckt, sondern der Clarté einen Weg bahnt.

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