Von unserem Bonner Korrespondenten R. S. Bonn, im Oktober

Als die Nachricht von dem endgültigen Bruch zwischen Dr. Adenauer und Dr. Heinemann kam, befürchtete man, daß es im Bundesinnenministerium ein Interregnum geben könnte. Daß es nicht dazu gekommen ist, war nicht zuletzt das Verdienst des Bundespräsidenten. Aus einem Kommuniqué seines Präsidialamts erfuhr man, daß er das Demissionsgesuch Heinemanns erst annehmen werde, sobald die Frage der Nachfolge geklärt wäre. Die Berufung Lehrs war gleich am Tage nach der endgültigen Demission Heinemanns zwischen dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler erwogen worden, als noch die Beirat, ung Dr. Holzapfels im Vordergrund zu stehen, schien. Holzapfel hätte gern einen Kabinettsposten angenommen, nur nicht gerade den des Innenministers, für den er sich wenig geeignet hält,

Dr. Lehr bringt zweifellos große Erfahrungen für diesen Posten mit. Er war lange in hervorragenden Stellungen des Verwaltungsdienstes. Nach 1945 war er Oberpräsident der Nordrhein-Provinz. Er saß im Vorstand des Zonenbeirates in der britischen Zone und war Vorsitzender in dessen Rechts- und Verfassungs- sowie im Finanzausschuß. Er gehört zu den Verfassern des Grundgesetzes, an dem er als Vorsitzender des Ausschusses für die Organisation des Bundes in manchem Artikel, wie etwa Artikel 131, maßgeblich mitgearbeitet hat. Als Mitglied des Aufsichtsrates der Vereinigten Stahlwerke ist er auch mit der Wirtschaft eng verbunden.

Lehr ist ein konservativer Mann, aber in einem anderen Sinne als Heinemann. Während dieser in seinem so empfindsam ausgeprägten religiösen Gewissen auch mit den politischen Fragen zunächst immer unter dem Aspekt seines Christentums ringt, sieht Lehr die Dinge vordergründig. Deshalb ist auch kaum anzunehmen, daß er die Taktik des Bundeskanzlers in der Bewaffnungsfrage kritisieren wird. Dagegen hatte Heinemann das Vorgehen des Kanzlers in der Bewaffnungsfrage scharf abgelehnt. Er wollte jeglichen Anschein einer deutschen Initiative in dieser Sache vermieden wissen, damit nicht das eben erst einschlummernde Mißtrauen des Auslandes gegen uns rasch wieder wach werde. Lehr aber hat sich bereits in Straßburg ganz offen für einen deutschen. Beitrag, zur militärischen Sicherung des Westens ausgesprochen, wenn er von uns verlangt würde.

Man darf annehmen, daß sich Lehr auch im Kabinett mit der eigenwilligen Regierungsfacon des Kanzlers leichter abfinden wird als Heinemann, der sich in der Auslegung des Grundgesetzes – zum Beispiel seiner Bestimmung über die Geschäftsordnung, nach der die Regierungsgeschäfte vom Kanzler zu führen sind – von strenger juristischer Genauigkeit leiten ließ. Und doch ist auch Lehr ein Mann der eigenen Linie. Daß er Zivilcourage in hohem Maße besitzt, hat er. in der Widerstandsbewegung während der Nazizeit bewiesen. Das Amt, das er in einem politischen Krisenzustand übernimmt, erfordert hingeht, Energie und Gelassenheit. Lehr ist eine Persönlichkeit, in der sich diese drei sonst schwer aufeinander abzustimmenden Eigenschaften vorteilhaft zu mischen scheinen.