Hinter allem, was Schriftsteller in totalitären Staaten schreiben, steht die "Sprachregelung". Unter diesem Gesichtspunkt sind neue sowjetische Romane interessant, die von Deutschland handeln: "Frühling an der Oder" von E. Kazakiewitsch (mit einem Stalin-Preis ausgezeichnet) und "Die Bürgschaft des Friedens" von V. Sobko.

Im "Frühling an der Oder" wird erzählt, wie die Sowjettruppen 1945 in Deutschland eindrangen. Da wird nicht gemordet und geplündert, kein Haus wird angesteckt und keine Frau vergewaltigt. Die Rotarmisten sind die besten Freunde der deutschen Bevölkerung. Ihr Edelmut kennt keine Grenzen. Der Kommissar einer Kompanie, dessen Tochter von den Deutschen verschleppt worden war, sieht eine Gruppe verlassener Frauen und geängstigter Kinder. Er sagt zu sich selbst: "Aber was! Sie haben deine Tochter verschleppt, dein Haus zerstört, und du hast Mitleid mit ihnen?!" Aber der Soldat in ihm, "erzogen in der Stalin-Schule", versteht es, sich zu beherrschen, und Kazakiewitsch beschreibt ihn so: "Er sah ihre roten Hände an, die Hände von Menschen, die zu harter Landarbeit gezwungen waren, und er empfand in seiner Seele ein tiefes Mitgefühl". So sind die Sowjets nicht Okkupanten, sondern Befreier. Und die Deutschen verstehen das vollkommen. Sie freuen sich aufrichtig über den Sieg der Roten Armee. Der deutsche Unteroffizier zeigt den lieben Sowjets den Weg durch das Minenfeld. Alle sind sie nett und gut auf beiden Seiten, und vor den Trümmern von Berlin beginnt der große Völkerfrühling.

Mehr aufs Politische geht der Roman von Sobko, in dem schon die Piecksche Republik gegründet wird. Auch hier sind alle sowjetischen Krieger edelmütig. "Wir haben den Krieg gewonnen", sagt der Oberst Tschajka zum Hauptmann Sokolow, "und jetzt müssen, wir noch einen langen und dauerhaften Frieden gewinnen." Die

Geschichte spielt in dem Städtchen Dornau. Die Kommandantur unterstützt selbstlos alle fortschrittlichen Elemente: der Arbeiter Gringel wird Fabrikdirektor, der alte KZ-ler Michaelis wird Bürgermeister, die Güter werden an die armen Bauern verteilt, es zeigt sich, wie eine Sowjetzeitung dazu sagt, "die überwältigende Kraft der Sowjetideologie, die ein würdigeres Leben für die Menschen schafft..." Aber obwohl die Russen und die Deutschen – natürlich nur die braven, die kommunistischen Deutschen – alle sehr lieb und gutwillig sind, geht die Wiedergeburt Dornaus doch einigermaßen in Atmosphäre und Form des Klassenkampfes von statten. Auch Hitler-feindliche Intellektuelle, die seit 1933 aus Protest nicht mehr gearbeitet hatten, können nur schwer mit der Vergangenheit und ihren "bourgeois-demokratischen Vorurteilen" brechen. Die Schauspielerin Edith Hartmann und der Dichter Bohler bleiben daher zunächst außerhalb der neuen Volksgemeinschaft, weil sie finden, daß bei den Bolschewiken alles zu politisch und zu tendenziös ist. Aber schließlich finden auch sie den rechten Weg und kollaborieren dann fleißig mit der wackeren Besatzungsmacht, die das edle Gebäude der Ostzonen-Republik errichten hilft.

Gelegentlich zeigt Sobko, des Gegensatzes wegen, das düstere Bild des Lebens im Berliner Westsektor, wo die Arbeiter von den Amerikanern brutal behandelt und die Kinder in ihrem Unglück von den Besatzungstruppen verspottet werden. Außerdem tun sich in den Westzonen die Amerikaner mit Gestapobeamtenund SS-Männern zusammen; längst ist der frühere Gestapochef von Dornau amerikanischer Spion geworden. Aber der Dichter Bohler deckt in einem Buch alle diese finsteren Machinationen auf und macht dem deutschen Volk klar, daß die Anglo-Amerikaner Imperialisten sind, daß sie den hochherzigen Vertrag von Potsdam nicht einhalten und daß die Sowjets die einzigen wahren und selbstlosen Freunde Deutschlands sind. W. F.