Darmstadt, im Oktober

Anläßlich der ersten Tagung der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" an ihrem künftigen ständigen Sitz Darmstadt war zu einem neuen öffentlichen "Darmstädter Gespräch" eingeladen worden, das diesmal um die Wirkungen der Literatur kreisen sollte. Im benachbarten Mainz gibt es eine nicht minder bedeutende Akademie, die hier in Darmstadt nicht vertreten war. Die Teilnehmerliste von Darmstadt bot so nur eine zufällig wirkende Auswahl der namenhaften Vertreter unserer Literatur. Daß bei dem "Gespräch" – soweit ein solches zustande kam – fast ausschließlich der nach innen gewandten, lyrisch betonten Dichtung das Wort geredet wurde, kann unter diesen Umständen nicht verwundern.

Der alte Gegensatz poésie pure und litterature engageé wurde gleich zu Anfang wieder aufgerissen, als Rudolf Alexander Schröder das Wort von einem "zeiträumigen" und einem "raumzeitigen" Schrifttum prägte. Zeiträumig ist für ihn dabei das, was die Zeit auch im Raum überdauert, was auch durch Zeiträume besteht. Die raumzeitige Literatur dagegen, das Bestseller-Schriftum, charakterisierte er mit dem biblischen Gleichnis vom Christus versuchenden Satan, der ihm die ganze Welt zu Füßen legen will, wenn er das Göttliche abschwört. Und Fritz Usinger wiederum trennte Kunst als Gestaltung und Kunst als Ausdruck, wobei für ihn die letztere das Gesetz der künstlerischen Einheit und das der Ästhetik verlor.

Von diesem Standpunkt aus gingen Rudolf Alexander Schröder religiös, Wilhelm Lehmann magisch-beschwörend und Kasimir Edschmid rein menschlich an die Frage nach den Wirkungen der Literatur heran, am zweiten Abend noch durch Fritz Usinger und dem bürgerlich weltoffenen Otto Rombach ergänzt. Gerhard Pohl griff als einziger wirklich konkrete Probleme an, analysierte die Möglichkeiten einer literarischen Einwirkung auf den östlichen Machtbereich und versuchte zugleich, sein eigenes Abschwenken von der "Kulturbund"-Linie einleuchtend zu machen.

Hatte Schröder von den Gefahren einer "traumatischen" Dichtung gesprochen, so stellte Usinger verwundert und besorgt fest, daß Mombert und Däubler heute nicht mehr gelesen würden, sondern das die Situationsanalyse einer von Angst und Verzweiflung getriebenen Welt erfolgreicher sei als die Dichtungen einer Welt ohne Angst. Aber die Welt ohne Angst ist heute nicht mehr wahr, und eine unbekannte junge Frau aus dem Publikum konstatierte hierzu, daß höchstens die Welt der überwundenen Angst (wie bei Dergengruen oder Gertrud von Le Fort) dem Leser jenes Glücksgefühl vermittle, das Usinger mit einem Zitat von Saint-Just beschwor.

Im Vergleich zum Darmstädter (Kunstgespräch vom Sommer 1950 hat diesmal sozusagen ein Sedlmayr gefehlt: ein Katalysator, an dem sich die Gegensätze entzündeten und entluden und durch den erst ein echtes "Gespräch" möglich würde. Wirkungen der Literatur? Die eines Esoteriertums dürften immer beschränkt sein. eines wenn beispielsweise heute die Auflage der westdeutschen Illustrierten um 41 Prozent höher ist als die der Illustrierten ganz Großdeutschlands im Jahre 1938, wenn die Filmoptik und die anderen Massenunterhaltungsmittel unseres Jahrhunderts ein geistiges Analphabetentum herauf zuerziehen drohen, das nur noch vom Visuellen her aufnahmefähig ist, so läge hier ein Ansatz, nach Wirkungsmöglichkeiten der Literatur gegenüber der buchentfremdeten Mehrheit zu fragen. Davon ist in Darmstadt nicht gesprochen worden.

Ein positives Ergebnis war die Bekanntgabe vom bevorstehenden Erscheinen einer großen deutschen literarischen Zeitschrift, die dem Charakter der Nouvelles litteraires angepaßt sein und vierzehntäglich erscheinen soll. Das andere: die Umänderung des Georg-Büchner-Preises der Stadt Darmstadt für hessische Künstler in einen – materiell erhöhten – Preis für junge Dichter ganz Deutschlands, der durch die Akademie zur Verteilung gelangt. In diesem Jahr hat ihn posthum Elisabeth Langgässer erhalten. Ulrich Seelmann-Eggebert