Von Wilhelm Flitner

Im neunundsechzigsten Lebensjahr ist Nicolai Hartmann am 10. Oktober 1950 in Göttingen plötzlich verstorben. Ungewöhnlich fruchtbare Lehrtätigkeit hat ihren Abschluß gefunden, ein umfassendes Werk bleibt der deutschen Philosophie hinterlassen.

Hartmann trat zuerst in den Jahren kurz vor dem ersten Weltkrieg in Marburg hervor, jener damals überaus regsamen Universität, wo die liberale Theologie und die neukantische Philosophie ihren Mittelpunkt hatten. Es war ein fruchtbarer Moment der deutschen Geistesgeschichte. Die Philosophie hatte sich seit dem jahrhundertende erneuert, vor allem durch die Anknüpfung an Kant; aber unmittelbar vor dem Weltkrieg setzte sich eine Fülle neuer Strömungen durch: Hegel, Schelling und Schleiermacher wurden wiederentdeckt; Diltheys hermeneutische Methode wurde fruchtbar, Husserl gab durch seine Phänomenologie der Logik eine Wendung, durch Schrempfs Übersetzung wurde Sören Kierkegaard in Deutschland bekannt. Diese mannigfachen Strömungen haben damals die "Marburger Schule" gesprengt; so entgegengesetzte Denker sind aus ihr hervorgegangen, wie die Theologen Karl Barth und Rudolf Bultmann, die Philosophen Ortega y Gasset und Martin Heidegger, und auch Nicolai Hartmann, der in der letzten Zeit mehr und mehr zum Gegenspieler Heideggers geworden ist.

Er war 1882, am 20. Februar, in Riga geboren und hatte seine Gymnasialjahre und erste Studienzeit in Petersburg und Dorpat verbracht. Mundart und Haltung des stark aristokratisch beeinflußten baltischen Volksschlags blieben ihm eigen. Seine Studien begann er in der Medizin und setzte sie in der Altphilologie fort; seine Platon-Studien machten ihn in Marburg zum Philosophen. Seit 1909 lehrte er, erst in Marburg, nach dem Kriege als Ordinarius, seit 1925 in Köln als Nachfolger Hans Drieschs, seit 1931 in Berlin auf dem Lehrstuhl von Ernst Troeltsch. Nach der Besetzung Berlins durch die Russen ging er nach Göttingen, wo er unter den Drangsalen der Jahre nach 1945 noch einmal einen großen Lehrerfolg unter der jüngsten Studentengeneration gehabt hat.

Seine eigentümliche Position ist seit 1921 in einer Reihe umfangreicher Bände hervorgetreten. Sie sind in klarem Deutsch, in faßlicher Sprache, kurzen Sätzen, übersichtlicher Gliederung geschrieben. Eine weiträumige Gedankenlandschaft breitet sich gleichförmig und in glasklaren Umrissen vor dem Leser dieser Schriften aus. Alles Mystische ist verbannt, nirgends Nebelhaftes; auch die Terra incognita bleibt weiß, deutlich und unbeschrieben. Der Denkstil hat etwas vom Geist der aristotelischen Lehrschriften; er ist von einer grandiosen Nüchternheit, von tiefem Respekt vor allem Wirklichen. Sorgfältige Analogien reihen sich aneinander; verknüpft mit vorsichtig eingeführten Hypothesen bilden sie ein linienreiches Gewebe. Wer sich nachsinnend hindurchliest, wird nicht überall zustimmen, aber überwältigt und vielleicht bedrückt von der Erstaunlichkeit, der Rätselhaftigkeit des Weltbaues. Er wird aber keineswegs entmutigt, sondern angehalten zur Forschung; denn der Hartmannschen Philosophie ist durchaus ein optimistischer Zug eigen. Wir stehen erst ganz am Anfang der Erkenntnis. Nur einige große Erkenntnisschübe sind bisher erfolgt; wie es einen Fortschritt in der Naturforschung gegeben hat, ist er auch in der Philosophie möglich, in der wesentliche Probleme noch gar nicht in Angriff genommen sind. Hartmann verzeichnet sie; zwischen dem einzelwissenschaftlichen Verfahren und dem der Philosophie macht er keinen so beträchtlichen Unterschied wie es üblich geworden ist. Den großen Systementwürfen, in denen ein einzelner Philosoph das Ganze der Wahrheit auf einen Streich glaubt enthüllen zu können, ist er stets abhold gewesen. Auch im Philosophieren ist das menschliche Forschen begrenzt, macht Umwege, bedarf ständiger Korrekturen und gelangt niemals zum Abschluß.

Dieses Verfahren behutsamen Auseinanderlegen der Phänomene, sorgfältigen Aneinanderreihens von Feststellungen hat Nicolai Hartmann zunächst auf das Erkenntnisproblem angewandt: "Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis" (1921), es folgte die "Ethik" (1926), das "Problem des geistigen Seins" (1933) und die Erörterung der logischen Kernfragen "Möglichkeit und Wirklichkeit" (1938). Den Abschluß bilden Untersuchungen, in denen die Thematik der aristotelischen Metaphysik aufgenommen wird, die bei Nicolai Hartmann als Ontologie auftritt. Die Frage, was überhaupt sei und was es heiße, wenn wir vom Sein und Seienden sprechen, ist lange Zeit aus der deutschen Philosophie verscheucht gewesen; sie wurde durch Kant in die Frage umgewandelt, wie Erfahrung und Erkenntnis möglich sei. Hartmann ist wie sein Gegenspieler Heidegger den Weg von der Erkenntnistheorie wieder zur Ontologie zurückgegangen. "Neue Wege der Ontologie" heißt eine zusammenfassende Studie, worin das Programm dieser Disziplin am übersichtlichsten deutlich wird: die Unterschiede zur alten Ontologie – wie sie von Aristoteles und Descartes her bis Kant galt und noch unkontrolliert bis heute nachwirkt; die Abgrenzung aber auch gegen Kant und die idealistischen Denker, die an ihn angeknüpft haben – von Fichte bis zu den Marburger Lehrern Hartmanns hin.

Hartmanns Ontologie enthält nichts Spekulatives, gar nichts Phantasiertes; aber auch nichts Konstruiertes. Die "Einschläge des Unerkennbaren" in allem Aufweisbaren werden nicht hinwegretouchiert, das Verwunderliche bleibt bestehen. Der altgewohnte Dualismus von Körper und Geist und die Redeweise, es sei nur das Körperliche real, wird als leere Spekulation beiseite getan. Realität hat das, was körperhaft im Räume ist, aber auch der Geist – real sind die mathematischen Gegenstände, aber durch das Bewußtsein, das Seelische, die geschichtlichen Gemeinschaften der Menschen. Die Wirklichkeit erweist sich als vielgeschichtet und nach Kategorien geordnet; aber die "Seinskategorien" sind nicht identisch mit den "Erkenntniskategorien", obgleich sie in einer Beziehung zu ihnen stehen, die in geduldiger Arbeit aufgeklärt werden kann. Diese Unterscheidung von Seinsschichten ist es, welche den Hartmannschen Untersuchungen zuletzt etwas Bildhaftes gibt – sie befindet sich in Übereinstimmung mit dem Bild vom Kosmos, wie es Max Scheler entworfen hat, ist von diesem auch abhängig; beide leisteten damit eine kritische Umformung des aristotelischen Weltbildes

Nach einer Seite hin ist dieses Weltbild, trotz seiner großen Offenheit gegen die Resultate aller Wissenschaften, wie abgedichtet. Ob die Theologie, ob die Rede des Dichters Wahrheiten aussagen, und wie diese sich zum wissenschaftlichen Weltbild verhalten könnte, wird nirgends thematisch. Darauf auch beruht die große Ferne des Hartmannschen von allem existenzphilosophischen Denken. Man erzählt aber, daß die Liebhaberei des unablässig im Denken Tätigen in seinen Mußestunden die Astronomie gewesen sei und daß er nachts viele Stunden an seinem Teleskop verbracht habe. Die Wissenschaft, das Sittengesetz und die Sterne – das waren Kants Passionen; ihnen scheint auch Nicolai Hartmann treu geblieben zu sein.