Max Picards Diagnose unserer Krankheit

In unserer Zeit wird viel geredet und viel geschrieben. Aber nicht mehr Wesentliches als in Zeiten, die nicht so viel redeten und schrieben. Denn das Wesentliche hat sich allemal noch denen am ehesten erschlossen, die auch mit dem Schweigen auf gutem Fuße stehen. Wer redet und schreibt, tritt aus dem Bereich des Schweigens heraus, und je betriebsamer, je grundloser er es tut, desto weiter entfernt er sich vom Wesentlichen.

Das ist an sich eine banale Wahrheit. Aber in ihr verbirgt sich eine tiefere, geheimnisvollere, der nachzuforschen nicht nur lohnend, sondern heute geradezu notwendig geworden ist. Dies in seiner ganzen Tragweite begreiflich gemacht zu haben ist das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst Max Picards, der in seinem Buch Die Welt des Schweigens (Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich; 243 S.) die elementaren Beziehungen zwischen dem Schweigen und dem Wort durchleuchtet hat. Es war ihm dabei, wie er selbst beteuert, keineswegs um eine neue "Weltanschauung" zu tun. Dennoch ergibt sich ganz von selbst auf seinem Wege eine neue – wenigstens bisher nur vereinzelt geahnte – Art, die Welt anzuschauen, dem Dasein auf den Grund zu sehen. Aber auch von Philosophie kann hier nicht eigentlich die Rede sein. Jedenfalls, sofern man von einer Philosophie ein System erwartet und ihr nicht zubilligt, sich auf Intuition zu berufen. Das Buch ist eher eine Folge mehr oder minder ausgeführter aphoristischer Betrachtungen – fast könnte man sagen: Meditationen –, deren Gegenstand Variationen über einen großen Gedanken bilden.

"Das Schweigen besteht nicht nur darin, daß der Mensch aufhört zu reden. Das Schweigen ist mehr als bloß ein Verzicht auf das Wort, es ist mehr als bloß ein Zustand, in den der Mensch sich versetzen kann, wenn es ihm paßt. Wo das Wort aufhört, fängt zwar das Schweigen an. Aber es fängt nicht an, weil das Wort aufhört. Es wird nur dann deutlich. Das Schweigen ist ein Phänomen für sich." Und: "Das Schweigen gehört zur Grundstruktur des Menschen." In diesen Sätzen ist schon die Essenz des Buches enthalten. Es wird aber auch von hier aus begreiflich, daß "Schweigen" und "Wort" nicht nur als das zu nehmen sind, was sie – in dem Gegensatz: nicht reden und reden – den gebräuchlichen Begriffen nach bedeuten, sondern daß hinter diesen Kennzeichnungen Realitäten des Seins und des Verhaltens stehen, die einander sowohl begrenzen wie bedingen, einander sowohl widerstreiten wie ergänzen und befruchten. Und gerade dieser Weltgrund, der durch die Begriffe "Schweigen" und "Wort" dem Gedankenblick aufgetan wird, gewinnt einen gesteigerten Grad der Sichtbarkeit dort, wo die Betrachtung am meisten "im Bilde bleibt", das heißt: wo sie auf das Phänomen der Sprache eingeht. Das geschieht in den Kapiteln "Dichtung und Schweigen" und "Das Wortgeräusch".

Diese Kapitel sind nichts Geringeres als eine Ästhetik der Dichtkunst von so unwidersprechlicher Gültigkeit, wie sie noch kein anderer Denker unserer Zeit zu bieten hatte. Eine Ästhetik, die diesen Begriff selbst zur Erkenntnis der Conditio sine qua non alles Dichtens, aller Wortkunst schlechthin erweitert, vor welcher zu bestehen dem weitaus größten Teil der modernen Literatur beträchtliche Verlegenheit bereiten dürfte. (In diesem Zusammenhange erscheint der Huldigungswert der Widmung des Buches an Ernst Wiechert recht bedeutend.) "Das Wort des Dichters hängt nicht nur naturhaft mit dem Schweigen zusammen, aus dem es kommt, es ist auch imstande, durch den Geist, der in ihm ist, selbst Schweigen zu erzeugen. Durch den Schöpfungsakt des Wortes wird das Schweigen, das nur Natur ist, noch einmal durch den Geist wiederholt ... als Widerhall des vollkommenen Wortes hört man das vollkommene Schweigen." "Die Dichtung heute hat keinen Zusammenhang mehr mit dem Schweigen. Sie kommt vom Wort, ja von allen Worten, und bewegt sich zu allen Worten. Es ist meistens nicht einmal eine Sache da, die durch das Wort hergebracht werden soll, die Sache ist gar nicht vorhanden, es wird mit dem Wort gesucht nach ihr, das Wort ist auf der Jagd nach der Sache – der wirkliche Dichter aber hat die Sache und sucht von ihr aus nach dem Wort." Das sind die Positionen, die zur Erörterung stehen. Sie lassen sich auch auf manche Philosophie anwenden wie – was ja in diesem Buch geschieht – auf alle Erscheinungen des Lebens und alle Äußerungen des Menschen. So wird das Kapitel "Radio" zu einer förmlichen Dämonologie des heutigen Menschseins. Und in der Meditation über "Die Welt ohne Schweigen" konzentrieren sich die sorgenden Gedanken zur äußersten Schärfe einer Entscheidung fordernden Alternative:

"Heute bewegt sich der Mensch nicht mehr aktiv zu den Gedanken und zu den Dingen hin, sie werden zu ihm hin gesogen, sie stürzen auf ihn, sie umwirbeln ihn, er ist nicht mehr der Mensch, der denkt, sondern nur noch einer, der gedacht wird; nicht mehr gilt: Cogito, ergo sum, sondern: Cogitor, ergo non sum. – Die Erde war einst nicht weniger besetzt als heute, aber sie war vom Schweigen besetzt. Der Mensch konnte nicht alles in ihr begreifen, das Schweigen hielt ihn fest. Der Mensch brauchte auch nicht alles zu wissen, das Schweigen wußte es für ihn, und da der Mensch mit dem Schweigen verbunden war, so wußte er vieles durch das Schweigen."

Das heißt das Problem unserer heutigen Welt an der Wurzel packen. Darum ist dieses Buch Max Picards ein wirkliches Ereignis. A-th