Während die Ministerpräsidenten der drei indochinesischen Staaten Vietnam, Kambodscha und Laos ihre am 1. Juli auf Schloß Pau in Frankreich begonnenen Verhandlungen mit dem französischen Minister für die Überseegebiete noch immer fortsetzen, obwohl die französische Regierung anscheinend nicht bereit ist, diesen drei Mitgliedstaaten der "Französischen Union" auch nur ein bescheidenes. Maß von wirklicher Souveränität zu gewähren, hat sich der bisherige Terrorkampf in Vietnam zu einem regelrechten Krieg erweitert.

Diese Entwicklung konnte nicht überraschen, denn schon am 19. August, dem fünften Jahrestag des ersten Aufstandes von Ho Chi Minh gegen die französische Kolonialherrschaft, hatte Radio Peiping verkündet, daß die Streitkräfte der "Liga für die Unabhängigkeit von Vietnam" (Vietminh) für eine General-Offensive gegen die französische Armee in Indochina bereit stünden. Da auch das französische Oberkommando in Indochina den Plan bekannt gemacht hatte, nach Beendigung der regenreichen Monsunzeit einen entscheidenden Schlag gegen Ho Chi Minh zu führen, rechnete man allgemein für Ende Oktober mit dem Beginn größerer. Kampfhandlungen. Durch seinen erfolgreichen Angriff auf die Sperrkette der französischen Forts an der chinesischen Grenze ist indessen Ho Chi Minh einer französischen Offensive in Nord-Vietnam nicht nur zuvorgekommen, er hat eine solche Offensive auch für längere Zeit unmöglich gemacht. Denn bis auf die Grenzstationen der beiden von Hanoi nach China führenden Eisenbahnlinien – es sind die Orte Lang Son und Laokay, die zu starken Stützpunkten der Sperrkette ausgebaut wurden – befinden sich alle Grenzforts nunmehr in den Händen der Vietminh. Von den 5500 Mann starken Besatzungen der aufgegebenen Grenzforts haben sich nur einige hundert nach Lang Son und Laokay durchschlagen können. Dieser Verlust von rund 5000 Mann mag zwar bei einer Gesamtstärke der französischen Indochina-Armee von etwa 130 000 Mann keine ausschlaggebende Rolle spielen, aber er wird um so schwerer zu ersetzen sein, weil es sich um erfahrene Dschungelkämpfer handelt, die für ihre Spezialverwendung besonders ausgebildet und seit Jahren an der chinesischen Grenze eingesetzt waren. Entsprechend der Zusammensetzung der französischen Indochina-Armee, die zu 80 v. H. aus Fremdenlegionären und Angehörigen französischer Kolonialvölker in Afrika besteht, während der Rest von 20 v. H. Franzosen aus dem Mutterland sind, haben die Fremdenlegionäre in den letzten Kämpfen die schwersten Verluste erlitten. Viele von ihnen sind Deutsche, die ihr unerfülltes Leben damit beschlossen, daß sie der Geschichte der französischen Fremdenlegion ein neues Ruhmesblatt todesverachtender Tapferkeit hinzufügten.

Die Entwicklung in Vietnam scheint denjenigen gegen Ho Chi Minh eingestellten vietnamesischen Persönlichkeiten recht zu geben, die der Ansicht sind, daß fremde Truppen die Vietminh nicht besiegen können. Diese Kreise vertreten die Auffassung, daß nur eine vietnamesische Armee in der Lage wäre, eine endgültige Befriedung des Landes herbeizuführen, indem sie als Exponent einer nationalen und unabhängigen. Regierung, das Vertrauen der Bevölkerung und damit deren Unterstützung und Zusammenarbeit gewinnt. Bisher hat sich Frankreich jedoch dem Gedanken, eine schlagkräftige vietnamesische Armee aufzubauen, der übrigens von Washington unterstützt wird, widersetzt. Voraussetzung für die Aufstellung dieses Heeres wäre nämlich das Vorhandensein einer entschlossenen Zentralregierung, der die Armee aus innerer Überzeugung den Treueid leistet. Bao Dai käme nach Ansicht weiter Kreise als Chef einer solchen Regierung nicht in Frage. Eine geeignete vietnamesische Führerpersönlichkeit wird erst dann in Erscheinung treten, wenn die Beschränkung der Souveränität Vietnams durch Frankreich ein erträgliches Maß angenommen hat. Es wäre ein beglückender Beitrag für den Weltfrieden, wenn Frankreich aus der Erkenntnis, daß Indochina weder ein kommunistisches noch ein militärisches, sondern ein nationales Problem ist, die notwendigen Folgen zöge. E. K.