In Frankfurt, wo die Filmschauspielerin Ilse Werner jetzt anläßlich der Uraufführung des Films "Gute Nacht Mary" ihr Come back feiert, trug sich folgendes zu: Die Filmgesellschaft hatte Interessenten zu einem Empfang mit Ilse Werner eingeladen. In dem angegebenen Hotel warteten die Geladenen vergeblich. Ilse Werner wollte nicht in jenem, sondern in einem anderen Hotel empfangen. In diesem anderen Hotel sollten sich die Gäste eine dreiviertel Stunde gedulden, da Ilse Werner noch im Bett läge und sich erst anziehen müsse. Es wird berichtet, daß einige der so deutlich Mißachteten über Starallüren schimpfend und ohne die angekleidete Künstlerin abzuwarten die Stätte ihrer Blamage verließen.

Diese Nachricht aus Frankfurt – man könnte ihr viele ähnliche zur Seite stellen – enthüllt eine doppelte Unkenntnis bei den Filmleuten und auch bei den Opfern ihrer "Künstlerlaune". Offenbar ist sich eine Filmschauspielerin wie Ilse Werner über ihren Rang nicht ganz im Klaren, denn sonst würde sie wissen, daß sie sich noch längst nicht das erlauben kann, was man bei einigem guten Humor eventuell einer Ingrid Bergman oder Paula Wessely noch durchgehen ließe, wenn sie schon einen so schlechten Geschmack hätten. Aber daß Ilse Werner – und viele andere – das nicht wissen, liegt nun wieder nicht an ihnen: es liegt daran, daß beim? Film anscheinend so gut wie keiner erkannt hat, daß das Zeitalter der Stars zu Ende ist. Die Kinobesucher, die früher, von Polizeiaufgeboten zurückgehalten, nach einer Premiere ihre Lieblinge stürmisch feierten, klatschen heute gerade noch so viel Beifall, daß sich die Schauspieler ein- oder zweimal verbeugen können. Ein bekannter deutscher Filmschauspieler hat vor dem Krieg täglich im Durchschnitt 300 Autogramme unterzeichnet. Ob es heute noch drei sind?

In Frankfurt freilich schienen auch die mit der Einladung Beehrten von dieser veränderten Sachlage noch nicht viel begriffen zu haben. Sonst wären sie vielleicht nicht so bereitwillig herbeigeeilt, bloß um Ilse Werner zu sehen und zu hören. Wer aber heute noch Stars besucht, der darf sich auch durch Starallüren nicht verärgern lassen. Denn was bleibt so einem richtigen Star, dieser beinahe antiquarischen Kuriosität in unserer schnellebigen Zeit, noch viel anderes übrig, als eben "Allüren"?... P. H.