Der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker ist nach dreiundeinvierteljähriger Haft aus dem Gefängnis in Landsberg entlassen worden. Es ist dies der erste Fall, in dem ein in Nürnberg Verurteilter seine vorzeitige Entlassung nicht „guter Führung“ verdankt, sondern einer eingehenden Prüfung seines Falles durch das Rechtsamt des amerikanischen Hohen Kommissars. Es wurde von den Amerikanern ausdrücklich darauf hingewiesen, daß viele ausländische Persönlichkeiten sich für Weizsäcker verwandt hätten in Anbetracht der Maßnahmen, die er zum Schutz der Juden und zur Milderung der harten deutschen Besetzung in Norwegen getroffen hatte. Dies habe den Entschluß des Hohen Kommissars herbeigeführt.

Für alle diejenigen, die an der Gerechtigkeit moderner Rechtsprechung zu verzweifeln begannen, ist dies ein Lichtblick. Zeigt es doch, daß die Gegner von gestern bereit sind, zuzugeben, daß auch sie geirrt haben. Erst damit aber wird der Weg frei zu einer echten Gemeinsamkeit und wohl auch zu der für alle so wichtigen Erkenntnis über die Vielschichtigkeit von Schuld und Irrtum, von persönlichem Versagen oder erfolglosem Bemühen. Daß hier letzten Endes der im totalen Staat hoffnungslos erscheinende Einsatz persönlicher Sicherheit und Reputation um der Allgemeinheit willen nun doch noch eine späte Anerkennung gefunden hat, wird vielen neuen Mut geben im Kampf gegen Zynismus und Resignation. Dff.