Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, im Oktober

So überfüllt wie am 15. Oktober, dem Wahlsonntag, waren die Gottesdienste in Cottbus, in Halle, in Brandenburg, in Weimar, in Leipzig noch nie. Wenige Kirchen haben eine Lautsprecheranlage; doch in Eberswalde, in Ludwigslust, in Frankfurt, in Guben, in Erfurt standen die Menschen zu Tausenden vor den Gotteshäusern, hörten den Gesang aus den Lautsprechern und den hallenden Orgelklang. Von den Kanzeln kam kaum ein Wort, das Bezug nahm auf die entnervende Geschwätzigkeit der Transparente und Plakate, die das Land an diesem Tage zudeckten. In den Zeitungen hatte man am Tage zuvor noch lesen können, daß dieser oder jener Pfarrer seine Gemeinde auffordere, sein "Ja" zur "Friedensliste" abzugeben. Beim Gottesdienst aber wurde von dieser Liste nicht gesprochen. Dort war Zuflucht und Frieden – auch für viele Tausende, die seit Jahren zum ersten Male wieder in einer Kirche oder wenigstens vor einer Kirche standen ...

So allein drückte sich Opposition, drückte sich Gesinnung in der Sowjetzone am 15. Oktober aus. Anders konnte sie es nicht – denn dies war der große Tag des Staatssicherheitsdienstes. Das Ministerium Zaisser hatte seine Bewährungsprobe. Und die Sondereinheiten der Volkspolizei patroullierten, seit langem zum ersten Male wieder, in der Öffentlichkeit mit sowjetischen MWD-Soldaten. "Freie Wahl eines freien Volkes" stand nichtsdestoweniger als Schlagzeile über der "Täglichen Rundschau", der sowjetischen Militärzeitung. Und im "Neuen Deutschland", dem Zentralblatt der SED, war diese kommunistische Besatzungsparole so kommentiert: "Es steht unserer Bevölkerung frei, ihre Stimme bei den Wahlen in der von ihr gewählten Form – offen oder geheim – abzugeben". In dennoch nicht ein Jahr alten Verfassung der Ostrepublik heißt es zwar, daß die Volkskammer in geheimer Wahl gewählt wird. Aber der Ost-CDU-Vorsitzende Nuschke, auf diese Bestimmung aufmerksam gemacht, antwortete lediglich, daß es sich hier nicht um einen Verfassungsbruch, sondern um eine spontane Verfassungsverbesserung des Volkes handele. So stand vor vielen Wahllokalen landauf, landab das breite Warnungsschild: "Wir haben nichts zu verbergen. Wer für den Frieden ist, braucht nicht hinter der Wahlkabine abzustimmen!"

Dies also war die Regel, und man richtete sich danach. Schon deshalb, weil die Wahlurnen äußerst knapp und in den meisten Wahllokalen überhaupt nicht vorhanden waren. Es wurde mit allem gespart. Mit den Umschlägen für den Abstimmungszettel grundsätzlich und mit den Bleistiften desgleichen. Man brauchte sie nicht. Es war auf dem Stimmzettel kein Raum für ein "Ja" oder ein "Nein". Es gab einen Zettel, Den gab man dem Wahlvorsteher, Das war alles.

So hatte auch die Gesamtwahlleitung nicht zu sondieren, sondern nur zu zählen. Das amtliche Resultat war ein Resultat der Wahlbeteiligung – nichts anderes. Und da im sowjetzonalen Innenministerium zu Berlin-Ost schon mittags um elf Uhr Nachrichten darüber vorlagen, daß diese und jene Orte eine hundertprozentige Wahlbeteiligung aufzuweisen hätten, war ein Andrang zu befürchten, der das Soll von 100 v. H. zu überschreiten drohte. Am nächsten Morgen aber hatte sich das offensichtlich reguliert, denn die Schwankungen zwischen 99,6 und 97,2 v. H. ließen immerhin Schlüsse auf den Grad der Freiwilligkeit zu, die hier registriert worden war. Ein "Fest der Demokratie" nannten die Schlagzeilen der Ostzeitungen am Montag das Volkszählungs- – ergebnis. Und auf den Bildern in den Zeitungen sah man Menschenschlangen vor den Wahllokalen. Ja, das stimmte. In Greiz, in Pirna, in Jena, in Köthen und an vielen anderen Stellen der Sowjetzone war am Sonntag großes Antreten. Um sieben Uhr zogen die Fanfarenzüge der FDJ durch die Straßen zum Wecken. Und um 8 Uhr war Sammeln vor den Fabriktoren, auf den Fabrikhöfen, vor den Hochschulen, auf den Baustellen. Im Gleichschritt wurde zum Wahllokal marschiert. Am Sonnabend vorher war es den Arbeitern in Eberswalde gesagt worden: "Der Betrieb steht geschlossen in der Wahlliste." Der Wahlvorsteher rief dann die Namen auf, und die Genannten nahmen den Stimmzettel entgegen wie die Lebensmittelkarte oder den Lohnbeutel. Zwei Herren in Zivil standen mit der Kopie der Liste daneben und strichen die Delinquenten ab. Sie waren noch einmal davongekommen ...

Aber auch andere Varianten dieser sonderbaren "Volkswahl" hatten sich die Inszenatoren ausgesucht. Der Hausobmann, der ohnedies eine so gewichtige Rolle als Polizist im Nebenberuf spielt, sammelte in manchen Fällen die Seinen von der Kellerwohnung bis zum vierten Stock. Und marschiene mit ihnen zum Wahllokal. Es wurde überhaupt viel marschiert an diesem 15. Oktober es marschierten alle, die vorher schon in der Zeitung gelesen hatten, sie hätten ihrem Kandidaten in spontaner Entschließung bestimmte Wähler-Aufträge zugedacht. So hatten ein paar tausend Arbeiter des Stahlwerks Brandenburg gelesen, daß sie dem Generalsekretär Ulbricht als wichtigste Aufgabe übertragen hätten, alle Leute ins Zuchthaus zu werfen, die anderer Meinung als die kommunistische Regierung seien. Für die Spitzenkandidaten Grotewohl und Dahlem hatte das Parolen-Erfindungsbüro der SED ähnliche Empfehlungen den Belegschaften einer Perlonfabrik und eines Wasserwerkes in den Mund gelegt.