Von der Universalität der politischen und militärischen Anschauung! zu Scharnhorsts Zeiten führte der Weg des preußischen GeneralStabes über, ein Spezialistentum von hohem Rang in die tödliche Isolierung, ia Unsicherheit und auswegloses Dilemma. Das inseitige Spezialistentum mit seinem Verzicht auf Weltanschauung uad Weltinteresse hat allerdings auch, andere Disziplinen in die gegenwärtige Krise geführt — insofern stellt der Niedergang des preußisch deutschen : Generalstabes nur eia Beispiel einer allgemeinen Entwicklung dar, wenn audi ein besonders bedeutendes, dramatisches und tragisches Beispiel. So ist das 700 Seiten starke Bach von Walter. Görlitz "Der deutsche Geaeralstab — Geschichte und Gestalt 05 (Verlag der Frankfurter Hefte) deshalb besonders beßeaswert, weil es "heute, da, zum letztenmal die Gelegenheit zur Umkehr uad Neubildung unseres politisdieß Lebens gegeben ist, eia vorurteilslose Darstellung der Rolle dieser militärisch so glänzenden In stitution" bietet, jener ebenso verlästerten "wie gefürchteten Orgaoi- sation, die in politischer Hinsicht die folgenschwersten Irrwege einschlag 140 Jahre hindurch bestand der Generalstab ia wechselnden Formen, ehe er 1942 zerschlagen wurde und ehe seine versprengten Reste ia der Katastrophe von 1945 untergingen. Die Namen Sdbardiiorst, Gneisenaa, Clausewitz leuchten am Beginn seiner Geschichte.

"Schartiihorst zog eine Generation selbständig denkender und handelnder Männer heran, der man die Achcnag nicht versagen kann, und er erzog diese Männer in der Überzeugung, daß der Krieg n ar im Rahmen der allgemeinen Politik a s letzter und bitterster Ausweg in höchster Notwehr möglich war. Ausdrücklich ibat er" immer wieder vor einer Kabinettspol itik nach rein militärischen Gesichtspunkten gewurnt Die Auffassung des preußischen Gehorsamsbegriffs formulierte eia halbes Jahrhundert später drastisch Prinz Friedrich Karl von Preußen gegenüber einem servilen Stabsoffizier, der König habe ihn deshalb zum Stabsoffizier gemacht, damit er wisse, wann er nicht zu gehorchen habe, Damals war schon Moltke Chef des Stabes. Aber in der Zeit der Reaktion und der Revolutionen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich auch die Isolierung von den großen geistigen Ideen der Zeit ergeben. Die Mitverantwortlichkeit des GeneralStabes beschränkte sich nun allein auf Planung Bnd Führung militärischer Operationen. Der Eid filt der Person des Königs, nicht der 1 Verfassung.

olitik war verpönt. Vereinzelte politische Generale wie Waldersee and Schleicher haben sich daher auch vor, ihrer eigenen Institution isoliert. Obgleich der Generalstab niemals kriegslüstern War, geriet er doch in dea Ruf, es zu sein. Ein böser Ruf, der durch die Atmosphäre, von Namenlosigkeit und Geheimnis begünstigt wurde. Es war einzig der in der fachmännischen Isolierang geborene simplifizierende Trugschluß, daß nur der Appell an die Gewalt alle innere und äußere Gefahren für das Reich zu bannen vermöchte, der den Generalstab objektiv schuldig werden ließ. Schließlich kam es dann dahin, daß er — obwohl ein Gegner Hitlerscher. Angriffskriege und Mordmethoden — jene Kriege vorbereitete und, längst jeder Mitverantwortung entäußert, in bitterem Eidgehorsam mitfocat. Eine unvorstellbare Verengung des Horizonts hatte Platz gegriffen, Charakter und Gewissen waren in ständiger. Bedrängnis. Viele der besten Köpfe sahen daher den einzigen Ausweg aus ihre Gewissensnot, den einzigen Weg zur Wiederherstellung des Rechtsstaates und zur Bewahrung Deutschlands, in detn späten Wagnis offenen Widerstandes gegen den Usurpator — und zahlten dafür mit Ruf und Leben.

Die Geschichte des preußisch deutschca Generalstabes ist abgeschlossen. Die Nürnberger Aaklage, die den Geaeralstab beschuldigte, an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges führend beteiligt gewesen zu sein, ließ sich nicht aafrecht erhalten. An uns ist es, zu überlegen, vas aus der Geschichte des Generalstabes für künftige Lösungen zu lernen ist. Ernst Riggert