Von unserem römischen Korrespondenten

F. G. Rom, im Oktober

Italiens Volk haßt grobe Gewebe. Es liebt seit jeher feine Seiden mit komplizierten Spitzen und Tüllen – auch in der Politik. De Gasperis Bodenreform ist dafür ein Musterbeispiel. Ausländer haben in diesem Programm, das Landwirtschaftsminister Segni gerade jetzt in der kalabrischen Gemeinde San Severino mit der ersten Verteilung an 396 bodenhungrige Familien eröffnete – eine "soziale Revolution" sehen wollen. Das ist ein gründlicher Irrtum. Ein einfarbiges Tuch wäre für den italienischen Weber de Gasperi eine äußerste Geschmacklosigkeit. In seine Bodenreform ist die Vielfarbigkeit des Kompromisses hineingewirkt. Er hat von all den Fäden, die ihm von dem sozial-radikalen Links- und dem agrarkonservativen Rechtsflügel seiner Partei geboten wurden, diejenigen verwandt, die ihm gut erschienen. So entstand eine Bodenreform, die davon ausgeht, daß der Eigentümer ein "Verwalter" im Dienst des gemeinsamen Wohls sei und der Staat ihn, falls notwendig, in der "Verwaltung" ersetzen könne, die aber tatsächlich die Erhaltung und Stärkung der gegenwärtigen, im Privateigentum fundierten Sozialordnung zum Ziele hat. Also Korrektur, nicht Revolution; Aufbau, nicht Umwälzung.

In der kalabrischen Sila und Basilicata lagen seit Jahrhunderten Latifundien von mehr als fünfzehntausend Hektar brach, einer gewissenlosen Abholzung und kärglichen Weidewirtschaft preisgegeben. Ihre Besitzer mißachteten mittelmeerisch träge, daß unterdessen in den Tälern Zehntausende arbeitslose, unterernährte und malariagelbe Landarbeiterfamilien im Elend hausten, hungerten und sich dennoch vermehrten. De Gasperis Bodenreform macht diesem Zustand, der seit 1946 den Bestand der jungen Republik permanent bedroht, ein Ende. Für den bisher brach liegenden Besitz gibt er den Enteigneten für jeden Hektar 50 000 Lire (330 DM) in Staatsanleihen, die in 25 Jahren einlösbar sind. Das entspricht dem Rentenerlös, den die Großgrundbesitzer in der Vergangenheit den Finanzbeamten gegenüber selbst angaben. 300 Hektar werden ihnen indessen befassen, die sie in Zukunft zu bebauen haben, wenn sie von ihren Erträgnissen leben wollen. Es ist gewiß schmerzhaft für sie, über Nacht ihren Besitz so reduziert zu finden, daß nicht einmal Raum für Wildschweinjagden bleibt. Aber vielleicht sind die zerrissenen KP-Mitgliedskarten, die die Neubauern Minister Segni überreichten, auch für sie ein Trost. Die Reformbauern haben den 50 000-Lire-Erwerbswert pro Hektar dem Staate innerhalb von 30 Jahren zurückzuzahlen; ebenso die Kapitalanleihe von rund 140 000 bis 160 000 Lire pro Hektar, die ihnen die Regierung zur Errichtung neuer Wohnungen und zum Erwerb von Samen, Vieh und Geräten vorschießt.

Innerhalb eines Jahres sollen allein in der Sila 12 000 Neubauernstellen geschalten werden. Roms Deputierte und Senatoren diskutieren inzwischen schon ein neues Gesetz, das die Reform auf. ganz Süditalienausdehnen soll. Die Kommunisten stimmen regelmäßig gegen die Beschlüsse. Ungern sehen sie besitzende Bauern, die ihrer Kontrolle entschwinden. Asiatische Jute des Kolchosentums wäre ihnen lieber gewesen als feinmaschige italienische Gewebe...