Die Spannung zwischen Ost und West legt der christlichen Kirche eine ungeheuer große Aufgabe auf. Für sie gilt ja, daß sie wohl in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt ist, Sie ist keine Westmacht und keine Ostmacht, ihre einzige Aufgabe ist: das Evangelium zu verkünden und das "Salz der Erde" zu sein.

Die wahre Mission der Kirche ist es, auf Christus als den wahren Herrn über alle Menschen zu verweisen. Sie muß den ausschließlichen Glauben an die Parteien überwinden helfen und wieder ersetzen durch den Glauben in Gott. Sie muß den entsetzlichen moralischen und geistigen Hohlraum, der zwischen Ost und West besteht und der die Demokratien zu totalitären Maßnahmen zwingt, mit ihrem Geist erfüllen. Dies ist die große Anforderung, die heute an die Kirche gestellt wird.

Da die Kirche keinen politischen Auftraggeber kennt, mußte es notwendigerweise zwischen ihr und dem Kommunismus zu einer Auseinandersetzung kommen. Nachdem in den "Volksdemokratien" das Rechtswesen gleichgeschaltet worden war und alle rivalisierenden politischen Parteien unterdrückt worden sind, blieben nur die katholische und die protestantische Kirche übrig; die mit dem stalinistischen Glauben im Kampf um die Seele konkurrieren könnten. Auch diese Konkurrenz soll jetzt, so scheint es, ausgeschaltet werden. Die Art, wie die Sowjets gegen die Kirche vorgingen, unterscheidet sich sehr von derjenigen, mit der sie andere Gegner des Regimes bekämpften.

Da sie keine Märtyrer schaffen und nicht den Anschein erwecken wollen, als bekämpfte sie die Religion, richten sie politische Anklage! gegen die führenden Männer der Kirche. Für diese Männer ist es schwer, dem Los eines politischen Verbrechers zu entgehen, wenn der Staat die einzige geistige Autorität sein will. Die Sowjets verstehen nämlich unter "Religion" nur las rein Kultische. Alles, was außerhalb des Gottesdienstzeremoniells liegt, ist für sie eine Sache des Staates und nicht der Kirche.

Der Kampf des Kommunismus gegen die katholische Kirche, die Moskau für die gefährlichste hält, begann an dem Tage, da Marschall Woroschilow im Frühjahr 1945 nach einem Gottesdienst in der St.-Stephans-Basilika zu Budapest erkannt hatte, daß sich Katholizismus und stalinistische Doktrin niemals vertragen. Von diesem Zeitpunkt an ist Moskau bemüht, aus der katholischen und evangelischen Kirche in allen Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs eine Staatskirche volksdemokratischer Prägung zu machen: Überall "romfreie Nationalkirchen" zu schaffen war das Ziel Moskaus.

Der Kirchenkampf des Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang hat seinen Widerhall in der ganzen Welt gefunden. Der Prozeß gegen den Primas von Ungarn, Mindszenty, brachte einen sichtbaren Höhepunkt. Die Formen variierten in den verschiedenen Ländern, doch war das Ziel überall das gleiche: die Kirche soll sich gefälligst auf den Gottesdienst beschränken und die politischen Parolen des Ostsystems gutheißen, Überall in den Gemeinden werden politische Agenten eingeführt, die das Volk gegen die antikommunistischen Pastoren aufhetzen und Berichte an die Geheimpolizei einsenden.

In Polen versuchte der Leiter der antikirchlichen Kampagne, Makorov, die katholische Caritas-Organisation zu zerschlagen. 700 Priester, Mönche und Nonnen wurden verhaftet. Das polnische Parlament ließ durch ein Gesetz alle den Bistümern und Klöstern angehörenden. Grundstücke beschlagnahmen. Ausgenommen waren die Grundstücke der Geistlichen, die sich mit der neuen Regierung solidarisch erklärt hatten. Auf diese Weise hofft die Warschauer Regierung, einen Keil zwischen den Klerus und die Bischöfe zu treiben. Möglich, daß sich die Zahl der "volksdemokratischen Priester" noch vermehren wird, aber der Wunsch, eine schismatische Kirche zu gründen, ist weit von seiner Verwirklichung entfernt.