Leonhard Frank, der Erzähler und Dramatiker, der 1933 aus freien Stücken in die USA auswanderte, obwohl er nicht über ein Wort der englischen Sprache verfügte, ist in seine Vaterstadt Würzburg heimgekehrt. Kurz nach dem Kriege war er schon einmal für wenige Wochen dort zu Gast, und diese Fahrt gab ihm Anlaß zu seinem bisher letzten Roman. "Die Jünger Jesu" (Bermanin-Fischer/Querido Verlag, Amsterdam) ist ein Würzburger Jungenroman wie die "Räuberbande" von 1913, aber unter deutschen Nachkriegsverhältnissen. Eine Gruppe Jugendlicher in dem zerstörten Würzburg, eine "geheime Gesellschaft", hat sich zusammengetan, um der Ungerechtigkeit entgegenzuwirken. Sie stehlen und "organisieren" gegen Quittung Lebensmittel und Kleider dort, wo sie nach ihrer Meinung im Überfluß vorhanden sind, und verteilen sie an diejenigen, deren Elend am meisten zum Himmel schreit. Jeder von ihnen ist ein Miniatur-Robin Hood, selbstlos und waghalsig, von den Ärmsten geliebt, bei den Reichen gefürchtet und gehaßt, vom deutschen Bürgermeister verfolgt, bei der Besatzungsmacht geduldet. Sie greifen korrigierend in das Leben der Erwachsenen ein und wollen ein Beispiel für Brüderlichkeit geben. Selbsterhaltungstrieb der Großen und Hilfsbereitschaft der Kinder, Geiz und Gedankenlosigkeit der Besitzenden, Demut der Gehetzten, Aufsässigkeit der Schuldigen und Hoffnungslosigkeit der Heimatlosen, das sind die Grundakkorde.

Indessen – Frank war damals nur als Besucher aus den USA in Deutschland. Er betrachtet Notdurft und Übermaß, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Anmaßung und Bescheidenheit mit fremden, fernen Augen, mit Augen gleichsam, die die äußeren Konturen zwar erfassen, aber nicht lange genug verweilen konnten, um den inneren Gehalt wahrzunehmen. So verschieben sich die Perspektiven, und die Verwirrung, sonst sanfte Trösterin, schreckt durch mitleidlose Nüchternheit wie durch überquellende Sentimentalität. Die Gestaltungskraft hält der Fülle der Eindrücke noch nicht stand.

Aber nun hat Frank wieder ständigen Kontakt mit der fränkischen Erde. Die kräftigen und die innigen Töne aus der "Räuberbande" und dem viel zu wenig bekannten "Ochsenfurter Männerquartett", in den nicht minder liebenswerten "Jüngern Jesu" noch überlagert von staunender Benommenheit, werden fortan rein erklingen können I. H.