Es gibt Weine zu hundert Mark die Flasche und Hotelzimmer zu dreißig Mark, mit Bad, aber ohne Frühstück. Zwei solche Hotels, in denen man eine ganze Nacht für dreißig Mark schlafen kann, habe ich mit eigenen Augen gesehen, das eine steht an einer berühmten Allee, das andere am Ufer eines Sees. Es sind sehr große, hell gestrichene Häuser mit langen Fensterfronten, Balkons und wunderbarer Aussicht; diese allein muß schon zwei Mark wert sein.

Da stehe ich vor dem Hotel am See wie Sindbad der Lastträger vor dem Palast Sindbads des Seefahrers und Kaufmannes und besehe mir die Pracht von außen. Wie mag es in einem Dreißigmarkszimmer sein? Ich weiß es nicht, denn ich bin kein Kaufmann, und niemals habe ich in einem solchen Zimmer gewohnt. Nun bin ich nicht neidisch, denn ich weiß ja nicht einmal, was es ist, das mir da entgeht, aber ich bin ungeheuer neugierig, das gebe ich zu. Sobald ich einmal viel Geld gewinne, verschaffe ich mir diese Erfahrung, das habe ich mir vorgenommen. Zwar spiele ich nicht im Toto oder in der Lotterie, aber man kann ja damit anfangen. Und außerdem ist es doch nicht völlig ausgeschlossen, daß man eines Tages eine Brieftasche mit zweihunderttausend Mark auf der Straße findet. Man geht zum Fundbüro und wartet ein Jahr ab, kein Verlierer meldet sich, und es gehört einem das ganze Geld! In einem solchen Falle reise ich in das Hotel am See oder in das an der Allee, wohne im Dreißigmarkszimmer und trinke Wein für hundert Mark.

Am Ufer, nahe bei den Schwänen, steht eine weiße Bank, ich setze mich und wühle in meiner Erinnerung nach sämtlichen altgriechischen und morgenländischen Phantasien, die sich mit der Insel der Seligen beziehungsweise mit dem irdischen Luxus der Kalifen beschäftigen. Beides scheint mir in das Dreißigmarkszimmer zu passen, und ich rühre Elysium und Orient tüchtig durch, knete sie zurecht wie Zucker und Mandeln, bis ich den fertigen Klumpen Phantasiemarzipan in Händen halte. Nun habe ich ein Bild von der Sache, und ich stelle mir also vor, daß das Dreißigmarkszimmer azurne und vergoldete Wände hat; die Decke aber ist aus purem Gold. Mitten im Zimmer ist ein kleiner, silbergefaßter See aus Tau, auf dem ein Nachen schwimmt, kein Kahn, denn ein Kahn wäre zu gewöhnlich, nein, ein Nachen aus Sandelholz. Ich weiß nicht, was Sandelholz ist, nur, daß es etwas Kostbares sein soll. In der Ecke steht ein Sofa von Ambra, mit rotem Atlas überzogen, mit Perlen, so groß wie Haselnüsse, und mit Edelsteinen geschmückt. Das Waschbecken ist von Gold, die seidenen Vorhänge sind goldgestickt, und das Bad wird mit duftender Zimmetrinde geheizt. Ein Wohlgeruch von Rosen, Narzissen, Hyazinthen, Lilien, Veilchen und Lorbeer, Myrten und Weinblüten erfüllt das Dreißigmarkszimmer. Diese Blumen werden von Nachtigallen herbeigetragen, die sie singend auf den Gast herabregnen lassen, während er auf seidenen Kissen ruht. Sklaven und Mamelucken küssen die Erde vor ihm und warten auf seine Befehle. Schöne Mädchen entlocken ihrer Zither sanfte Klänge, vielleicht das Harry-Lime-Thema.

Wie aber, wenn im Dreißigmarkszimmer nicht alles meiner Vorstellung entspricht? Was ist, wenn auch nur die Mamelucken fehlen? Es müßte eine große Enttäuschung werden. Auf die Mamelucken hätte ich besonderen Wert gelegt. Nein, es wird schon sein Gutes haben, daß ich weder Sindbad der Kaufmann noch sonst ein Kaufmann bin, denn ich hänge an meinen Illusionen. Mit den Fingerspitzen löse ich ein Pfefferminz aus dem Silberpapier, stecke es in den Mund, atme frisch und gehe fröhlich davon. H. H.