Rückblick auf eine internationale Frauenkonferenz

Von Peter Liebes

Bad Reichenhall ist der Schauplatz einer internationalen Frauenkonferenz gewesen, die in Deutschland zum erstenmal Gelegenheit zu großzügigem Gedankenaustausch bot. Das Kurhaus des Modebades stellte das offizielle Forum für mehr als zweihundert Frauen aus fünfzehn verschiedenen Ländern; das elegante Hotel Axelmannstein das gesellschaftliche Parkett, dessen mondäne Atmosphäre dem Rencontre das dekorative Gepräge gab. Viele dieser Teilnehmerinnen, die über "Die Verantwortung der Frau in kritischen Fragen der Gegenwart" diskutierten, waren in Ehren ergraut, keine von ihnen jünger als dreißig Jahre. Als offizielle Gastgeber fungierten die Frauenreferentinnen der amerikanischen Hochkommission, assistiert von ihren englischen und französischen Kolleginnen. Zu den wenigen Teilnehmern, die als Frauen ihrer Männer erschienen waren, gehörten die Gemahlin des Bundespräsidenten und die Gattinnen der drei alliierten Hohen Kommissare. Sie hatten das Patronat der Tagung übernommen.

Die weibliche Elite demonstrierte recht eindrucksvoll, daß die Gleichberechtigung des sogenannten schwachen Geschlechtes bereits in viel stärkerem Maße Realität geworden ist, als es sich Männer und Frauen gewöhnlich untereinander eingestehen. Wie lange wird es noch dauern, so fragte ein Erholungssuchender besorgt, bis wir Männer um unsere Emanzipation kämpfen müssen? Der Konvent der anwesenden Damen stellte jedoch keineswegs eine geschlossene Phalanx gegen die männliche Welt auf. Immerhin drang aber mehr oder minder verhüllt der Kollektiv Vorwurf gegen die männliche Wertordnung, die die Katastrophen dieses Säkulums verursacht habe, deutlich genug in das Auditorium: Die Amerikanerin Miß Margaret Hickey, Herausgeberin von Ladies’ Home Journal, machte geltend, die Frau allein könne das politische Geschehen wieder mit ethischem Gehalt erfüllen und humanisieren. Obwohl in diesem Gespräch europäischer und amerikanischer Frauen (das mit den technischen Mitteln der UN-Konferenzen, mit Dolmetscherinnen und Kopfhörern an den Sitzen bewältigt wurde) die Gemeinsamkeit der weiblichen Interessen sowie die Eigengesetzlichkeit fraulicher Lebensformen, stark betont wurde, zeigten, doch die diskutierenden Frauen die Neigung, in dem Bereich der herkömmlichen Weltanschauungen Stellungen zu beziehen, sobald es um grundsätzliche sittliche und religiöse Entscheidungen geht. Das bewiesen die Erörterungen über das Wesen der Familie. Frau Heuss fand schlichte Worte über die unvergängliche religiöse Mission dieser ursprünglichsten aller menschlichen Gemeinschaften. Eine amerikanische Mutter prägte den – gläubigen Satz: "Eine Familie, die gemeinsam betet, bleibt zusammen." Eine belgische Sprecherin hingegen äußerte, daß die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern heute ethisch und nicht religiös fundiert werden müßten.

Über die Zwitterstellung der arbeitenden Frau zwischen Haushalt und Beruf waren die Frauen ebensowenig einer Meinung, wie darüber, in welchen Bahnen überhaupt die angestrebte stärkere Mitverantwortung der Frau zu verwirklichen sei. Die Französin Madame G. Carrez, die als Mitarbeiterin für Frauenfragen beim Hochkommissariat in Mainz tätig ist, suchte, indem sie eine – wenn man so will – neokonservative Typologie von der Ehe entwickelte, in der Einheit der Familie den Ort, an dem nicht nur die Gegensätze zwischen Mann und Frau, sondern auch die zwischen den Generationen ausgeglichen werden. Die Frau als Mittelpunkt des Hauses – ein Ideal, das nicht ohne Widerspruch hingenommen wurde. Im Gegenteil, das Hinauswachsen der Frau aus dem Kreis der Familie wurde allgemein als ein Teil des gesellschaftlichen Umwandlungsprozesses empfunden. Vor allem die Vertreterinnen der nordischen Länder, Großbritanniens und Hollands lehnten eine Restaurierung alter Formen ab und plädierten für eine radikale Revision des Frauenideals. Aus ihrer kühnen und unkonventionellen Argumentation wehte ein "fortschrittlicher", ein ,revolutionärer" Wind. Das lag offensichtlich daran, daß bei den Delegierten dieser Länder das sozialistische Element besonders stark vertreten war. Die schwedische Arbeiterin D. Larsen, die seit 35 Jahren in der Tabakindustrie beschäftigt ist, wies darauf hin, daß in Schweden die gleichberechtigte Berufsarbeit der Frau eine Selbstverständlichkeit sei. Sie forderte vor allen hochbezahlte Kurzarbeit für verheiratete Frauen, damit diese mehr Zeit hätten, sich "nebenher" ihrer Familie zu widmen. Eine deutsche Gewerkschaftlerin nahm einen milderen Standpunkt ein, als sie empfahl, die verheiratete Frau sollte zumindest mit ihrem früheren Beruf "Tuchfühlung" halten.

In die allgemein menschliche und soziale Problematik der modernen Industrie führte ein Vortrag der bekannten britischen Unternehmerin Caroline Haslett ein, die mit realistischem Blick Fragen der Menschenführung im neuzeitlichen Betrieb behandelte. Sie verlangte die persönliche Einfühlung des Unternehmers in die Probleme der Arbeiterschaft. Das Gefühl des Eigenwertes für den arbeitenden Menschen sei eine wesentliche Voraussetzung für industrielle Leistungssteigerung. In England habe sich in den Betrieben ein neuer Aufgabenkreis entwickelt, der durch den personnal manager (einer Art Arbeitspsychologen) betreut wird. Dieser neue Beruf wird meist Von einer Frau bekleidet.

Auf dem tragischen Hintergrund unserer Epoche entwickelte die über 70jährige Dr. Maria Elisabeth Lüders, die heute Berliner Stadtabgeordnete ist, die Möglichkeiten einer "Politik des Alltags", die den gewaltsamen Anspruch der Machtpolitik ersetzen müßte. Ihr ernster Vortrag klang in einem eindringlichen Appell an die Frauen aus, für einen Frieden in Freiheit zu wirken. In ihren Worten aber schwang jene bange fragende Skepsis mit, ob nicht die chaotischen Gewalten unserer Zeit bereits solche Macht gewonnen hätten, daß sie sich überhaupt jeder menschlichen Kontrolle entziehen.