Der Eindruck, den die letzte große Abstimmung im Unterhaus über den Mißtrauensantrag gegen die Regierung erweckte – im Zusammenhang mit der Nationalisierung der Stahlindustrie –, war im Grunde für alle gläubigen Demokraten recht niederschmetternd. Erschien es doch wie ein Hohn auf die individuelle Repräsentanz des Volkes durch einzelne denkende Männer, daß es nicht auf deren eigene Stellungnahme und persönliche Entscheidung ankam, sondern lediglich darauf, wie viele Abgeordnete jeder Partei aus fernen Kontinenten oder Londoner Spitälern herbeigeschafft werden konnten, um dann entweder durch die Pforte der Ja- oder der Nein-Sager das Parlament zu betreten. – Es folgte dann der Parteitag der Labour, der gewiß nicht inspirierend war. Nicht eine neue Idee, sondern nur die verbissene Entschlossenheit, auf der alten Linie weiterzumachen: mehr Kontrolle, mehr Steuern, mehr Nationalisierung – kurz, weitere Entmündigung der Bürger und Stärkung der Vormacht des Staates.

Und nun der Parteitag der Konservativen. Parteitage, vor allem im Zeichen bevorstehender Wahlen pflegen in erster Linie der Propaganda zu dienen; wie elektrische Batterien so werden die Parteigenossen noch einmal von den Parteiführern aufgeladen. In Blackpool, wo die Konservativen bis zum – vergangenen Wochenende tagten, scheint dies anders gewesen zu sein. In den Reihen der tatendurstigen Parteimitglieder hat sich offenbar. soviel Dynamik und Energie angesammelt, daß die in einigen Punkten zögernde Zurückhaltung der Führung von den stürmischen Forderungen der Versammlung einfach überwältigt wurde. So war die Resolution, 300 000 Wohnungen zu bauen, also 100 000 mehr als die Regierung fertigzustellen beabsichtigt, eine klare Forderung der Mitglieder, der die Führung sich wahrscheinlich mit gewissen Bedenken fügte. Der unabhängige Observer, der die Atmosphäre von Blackpool schildert, schreibt, seit den großen Tagen der Vorkriegs-Labour-Konferenzen habe es so etwas nicht gegeben.

Es wurde viel über Verteidigung gesprochen, über die Verteidigung des Friedens durch Verhandlungen, die aber auf Stärke beruhen müßten und nicht aus Schwäche geführt werden dürften. In diesem Zusammenhang war die Kritik an der Sozialisierung der Stahlindustrie sehr heftig. Fast alle Redner sahen in diesem Schritt eine Schwächung, der Leistungsfähigkeit dieser für die Verteidigung ausschlaggebenden Industrie und warfen der Regierung vor, daß ihr offenbar die Einheit der Partei – im Hinblick auf die Linksradikalen – wichtiger gewesen sei als die Einheit der Nation. Kein Wort hingegen zum Schuman-Plan, nichts über Westeuropa! Sehr spürbar war das Bemühen, stärker als bisher die Arbeiterschaft anzusprechen, und so war denn der Jubel über die unmißverständlichen Klagen einer Arbeiterfrau und eines echten Londoner cockney über die wirtschaftlichen Folgen der Regierungspolitik besonders groß. Die Konservative Partei – und insofern ist Labour zweifellos ihr Schrittmacher gewesen – polemisiert nicht mehr gegen den sogenannten Wohlfahrtsstaat, auch sie hat sich genötigt gesehen, Vollbeschäftigung und soziale Sicherheit in ihr Programm aufzunehmen, allerdings auf der Basis des Wettbewerbs und des persönlichen Einsatzes und nicht der staatlichen Reglementierung.

Eins ist sehr deutlich geworden, die Konservativen wollen nicht nur die Wahl gewinnen, sondern sie wollen regieren. Voller Ungeduld brennen sie darauf, aktiv zu werden, und die, wie sie es nennen, Paralyse, in die die englische Wirtschaft und Politik geraten ist, zu überwinden. Dff