Truman habe kürzlich ein Buch über die Schlacht bei Getysburg gelesen, so wurde im Weißen Haus erzählt, und der amerikanische Publizist Lippmann schrieb dazu etwas grob, der Präsident werde aus dem Buch nichts lernen können. Die Schlacht von Getysburg, im amerikanischen Bürgerkrieg geschlagen, war eine Schlacht der alten Kriegführung: Armeen mit großen Warenmengen prallten aufeinander, von denen die eine schließlich die andere, vernichtete und so den Krieg beendete. Der Krieg der modernen Zeit sieht anders aus. Der moderne Krieg ist der Guerillakrieg, den die Bolschewiken den "Volkskrieg" nennen. Der Guerillakrieg war ihre Antwort auf die deutsche Invasion, der Guerillakrieg, der ja überhaupt die naturgegebene Antwort der unentwickelten Länder auf das Eindringen einer hochentwickelten, technisierten Armee ist, einer Armee, die sich auf ein weitaus überlegenes Industriepotential stützt. Deshalb mußte dieser "Volkskrieg" die Form der Auseinandersetzung werden, mit der der Kommunismus zunächst Eurasien und dann den ganzen Westen zu unterwerfen hofft.

Dieses Problem ist für Moskau natürlich von so großer Bedeutung, daß sich in Moskau die sowjetische Wissenschaft damit intensiv zu beschäftigen beginnt. Nur so ist eine Erklärung aufzufassen, die kürzlich der Referent für Völkerrecht, Manjkowskij, Professor am Staatswissenschaftlichen Institut der Moskauer Akademie, abgab. Er sagte: "Der Partisanenkrieg ist das aktuellste Problem der Gegenwart. Der Partisanenkampf der Volksmassen in Griechenland, Spanien, Südkorea, Malaya und auf den Philippinen ist eine Spielart des heroischen, gerechten Volkskrieges gegen Unterjochung, verabscheuungswürdige Ausbeutung, nationale Unterdrückung und Rechtlosigkeit. Die breiten Volksmassen dieser Länder führen einen gerechten Krieg gegen die Macht des Imperialismus, der Reaktion und des Rückschritts. Daher haben die Sowjetjuristen die Aufgabe, im Lichte der Lehren Lenins und Stalins über gerechte und ungerechte Kriege die Rechtmäßigkeit des Partisanenkriegs wissenschaftlich zu begründen." Der Sowjetprofessor interpretiert dann die Haager Landkriegsordnung, in der nirgends gesagt sei, daß eine Volkserhebung in einem vom Feind besetzten Gebiet unrechtmäßig sei. Die Präambel stelle im Gegenteil fest, daß in Fällen, die nicht unter die Konvention fallen, wie dem einer Volkserhebung, die Bevölkerung und die kämpfende Truppe den Schutz des internationalen Rechtes genießen. Auf diese Weise begründe die Haager Konvention selbst formell die Rechtmäßigkeit des Partisanenkrieges.

Die westliche Interpretation, die bisher auch von der UdSSR vertreten wurde – zum Beispiel noch 1944 von dem sowjetischen Völkerrechtler E. A. Korowin – geht dahin, daß "der friedlichen Bevölkerung eines besetzten Gebietes kein Recht auf bewaffneten Aufstand zusteht und daß jede kriegführende Partei ihren Widerstand gewaltsam unterdrücken und gegen die Beteiligten mit Strafmaßnahmen vorgehen kann." Was aber soll die neue sowjetische Auslegung? Sie entspricht genau den Bedürfnissen des Weltkommunismus bei seinem Angriff gegen die westliche Welt. Die Westmächte selbst haben, durch den Beifall, den sie im zweiten Weltkrieg den Aktionen der Partisanen spendeten, die damals ausschließlich gegen Deutschland gerichtet waren, und noch mehr durch die Teilnahme an Konventionsverhandlungen zum Schutze der Partisanen, die im April vorigen Jahres in Genf abgeschlossen wurden, dieser Entwicklung den Weg geebnet. Es ist der Weg, auf dem die Sowjetunion die industrielle und technische Überlegenheit des Westens in der Kriegführung zu überwinden hofft, indem sie den Krieg in einen Bürgerkrieg und – "Volkskrieg" verwandelt.

H. A.