Jugoslawiens politische Trennung vom Ostblock hat, sieht man von der handelspolitischen Neuorientierung ab, für die Wirtschaftsordnung des Landes kaum Konsequenzen gehabt. Tito strebt nach wie vor die Ziele seines bis 1951 laufenden Fünfjahresplan an. Und orthodoxer Marxismus ist weiterhin die Grundlage aller wirtschaftspolitischen Entscheidungen.

Auf die Hilfe sowjetischer Fachleute muß der jugoslawische Staatschef ja nun verzichten. Der Westen wäre zwar gern bereit, diese Lücke zu füllen und Tito mit seinem Rat zur Seite zu stehen; aber von derartigen Angeboten wollte man in Jugoslawien bisher nichts wissen. Tito und seine Anhänger halten sich für die einzig wahren und reinen Kommunisten und polemisieren gleicherweise gegen den Staatskapitalismus des Ostens wie gegen den Privatkapitalismus des Westens: Ihr Ziel ist die Industrialisierung Jugoslawiens nach dogmatisch marxistischem Rezept. Jetzt aber hat Tito erklärt, er brauche Hilfe. Und Acheson hat sich beeilt, ja zu sagen. Gegen Hungersnot müsse man etwas tun.

An industriellen Rohstoffen und an nutzbarer Wasserkraft ist das Land verhältnismäßig reich. Viele der Erzlager und sonstigen Mineralvorkommen sind bereits erschlossen; aber die Produktion diente bisher vor allem dem Export, Dafür wurden Fertigwaren importiert. Nunmehr will Jugoslawien Maschinen, Lokomotiven und sonstiges Eisenbahnmaterial im eigenen Lande herstellen, will selbst Brücken bauen und seine Landwirtschaft mit selbsterzeugten Maschinen und Fahrzeugen, vor allem mit Traktoren, versorgen. Für 1951 sieht der Plan die Produktion von 0,5 Mill. t Eisen und 0,7 Mill. Stahl vor. Im Zuge des Fünfjahresplanes betragen die Brutto-Investitionen rund 36 v. H.

Und nun Plan und Wirklichkeit! Gut, der Start war denkbar schlecht; denn der Krieg hatte viel zerstört. Das aber hätte nun in den Plan einkalkulieren müssen. So jedoch konnten beispielsweise 1949 die Sollziffem in der Metallindustrie nur zu 80,4 v. H., in der Motorenindustrie zu 73 v. H. und in der Zementindustrie zu 80 v. H. erfüllt werden. Übrigens waren die Lieferungen der UdSSR an Jugoslawien auch in der Maienblüte der freundschaft kurz nach dem Kriege, unzureichend gewesen. Unzufrieden war Jugoslawien auch mit der Unterstützung durch die anderen Volksdemokratien, insbesondere durch die Tschechoslowakei, von deren Lieferungen an Koks und elektrischem Ausrüstungsmaterial das Land weitgehend abhängig war. Als dann die Kommform die Achtung der kommunistischen Partei Jugoslawiens aussprach, konnte eigentlich nicht mehr vieles schlechter werden.

Seither hat sich die Belgrader Regierung ständig um Auslandskredite bemüht, neuerdings mit dem schlagenden Argument, daß das Land vor einer Hungersnot mit allen ihren politischen Folgen stehe. Andeutungen dieser Art fanden sich schon im Frühjahr, als die offizielle "Borba" mehrmals berichtete, die Anbauarbeiten seien in diesem Jahre sehr nachlässig ausgeführt worden, ja, in manchen Gegenden seien bis zu 50 und 60 v. H. der Anbaufläche im Mai noch unbestellt gewesen. Daß die Regierung mangels Rückhalt in der bäuerlichen Bevölkerung diese Krise nicht überwinden konnte, wollte man aber im Herbst nicht zugestehen, als die Ernteergebnisse demgemäß katastrophal ausfielen. Sie wären durch eine außerordentliche Trockenheit über denRückgang der Anbaufläche hinaus vermindert worden. Das nutzte man in Belgrad aus, um der Dürre den ganzen Minderertrag zur Last zu schreiben und mit den Amerikanern Gespräche über einen Kredit von 50 bis 80 Mill. $ zum Ankauf amerikanischer Lebensmittel zu führen: 500 000 t Weizen, 1 Mill. t Roggen und 500 000 t Futtermittel und sonstige Lebensmittel sollen dafür importiert werden. Man kann daran den Niedergang der jugoslawischen Agrarwirtschaft unter dem kommunistischen Regime voll ermessen. Denn noch nie in seiner Geschichte war Jugoslawien zu Lebensmittelimporten genötigt, im Gegenteil, selbst in Jahren der Mißernte war es jedesmal dennoch imstande gewesen, Lebensmittel zu exportieren. – Diese kommende Krise hat nicht nur ihre innerpolitischen Aspekte in Jugoslawien selbst, sondern muß automatisch Rückwirkungen auf sämtliche Handelspartner Jugoslawiens haben, die durchweg aus Jugoslawien Lebensmittelbezüge handelsvertraglich vereinbart hatten, die nun nicht mehr geliefert werden können. Davon ist auch die Bundesrepublik betroffen, die neben einem umfangreichen Handelsvertrag Tito einen Kredit von 35 Mill. $ (successive) zuführen will. (Neuesten Berichten zufolge will Belgrad nunmehr außerdem noch einen neuen englischen Kredit in Höhe von 20 bis 25 Mill. £ anstreben.) Einer Kontrolle über die Verwendung der geliehenen Gelder (Jugoslawien hat bisher vom Westen insgesamt .Kredite im Wert von 74,1 Mill. § erhalten) konnte sich Tito im allgemeinen nicht entziehen, doch mag er über einen Bruchteil dennoch, die .freie Verfügung erlangt haben. Geht dieses "freie" Geld in die Rüstung? Da man Tito im Westen vielfach noch für einen unsicheren Kantonisten hält, war man mit Waffenlieferungen vorsichtig. a.