Für den Teil Deutschlands, der heute das Bundesgebiet bildet, ist das Sozialprodukt des Jahres 1949 – die Summe aller Güter und Dienste also, die von seiner Bevölkerung, ohne Marshall-Hilfe, hervorgebracht worden sind – vom statistischen Bundesamt auf 80 Milliarden DM festgestellt worden. Für das Jahr 1936 wurde es mit 47 Milliarden Reichsmark errechnet: das entspricht zu den Preisen von 1949 gleichfalls 80 Milliarden DM. Die Bewohner der Bundesrepublik konnten also, alle zusammengezählt, im Nachkriegsjahr 1949 genau soviel verbrauchen wie im Friedensjahr 1936. Auf den einzelnen entfiel aber keineswegs der gleiche Betrag wie damals. Denn seitdem hat der Flüchtlingsstrom die Bevölkerung von 40 auf 50 Millionen vermehrt, die sich in das gleiche Sozialprodukt teilen müssen. Das durchschnittliche Realeinkommen des Bewohners der Bundesrepublik ist also 1949 um 20 v. H. niedriger gewesen als 1936.

Diese 20 v. H. sind ein Teil der Kosten des verlorenen Krieges. Wer hat diese Kosten getragen? Alle Bewohner des Bundesgebietes gleichmäßig, so daß also jeder ein Fünftel weniger zu verzehren hat als 1936? Oder sind die Lasten ungleich, also ungerecht, auf die einzelnen Gruppen unseres Volkes, Industriearbeiter, Landarbeiter, Bauern, Beamte, Angestellte oder Unternehmet verteilt worden? Dies ist eine Frage, die einer Untersuchung wohl bedarf!

Beginnen wir mit den statistischen Unterlagen über die Entwicklung des Reallohnes der deutschen Arbeitnehmer. Danach ergibt sich folgendes: Der Wochenlohn des Industriearbeiters, der für 1938 mit 100 angenommen werden soll, ist seit der Währungsreform stetig gestiegen. Durch fortlaufende Lohnerhöhungen erreichte der Nominallohn im Juni 1950 etwa 150 v. H. des Satzes von 1938. Die Lebenshaltungskosten, berechnet für eine vierköpfige Arbeiterfamilie mit einem Ernährer, haben seit der Währungsreform stark geschwankt. Zunächst blieben die Nahrungsmittel ziemlich stabil und stiegen die Preise für Industrieprodukte. Später zogen Nahrungsmittel im Preis an und fielen die Industrieprodukte erheblich. Im Juli 1950 war der Lebenshaltungskostenindex der "Normalfamilie" 151 v. H. Der Bruttolohn des deutschen Industriearbeiters war also vor der Korea-Krise fast ebenso stark gestiegen wie der Preisindex. Da die Belastungen des Lohnes durch Steuern und Sozialabgaben heute bei kleinen Einkommen geringer ist als 1938, so verdient der Industriearbeiter in der Tat heute so viel wie er 1938 verdiente. Sein Realeinkommen ist also nicht um 20 v. H. gekürzt, wie es der Senkung des Realeinkommens der westdeutschen Bevölkerung entsprochen hätte. Der Industriearbeiter nimmt also, was den Reallohn angeht, an den Folgen des verlorenen Krieges nicht mehr teil.

Daran hat auch die Korea-Krise wenig geändert. Zwar sind die Preise gerade für Fleisch und Fette nicht unerheblich gestiegen. Gleichzeitig aber sind die Preise vieler Industrieprodukte und auch einiger wichtiger Lebensmittel wie Kartoffeln, Obst, Gemüse weiter rückläufig, so daß der Lebenshaltungsindex für die Normal-Familie sich nur um 2 v. H. erhöht hat. – In dieser Normal familie hat sich übrigens, laut Mitteilung des SPD-Pressedienstes vom 7. 9. 1950, der Fleischverbrauch in einem Jahre, nämlich von Anfang 1949 bis Anfang 1950 verdoppelt. Es gibt keinen besseren Beweis für den Wandel der Lebenshaltung.

Wenn also der Stand der Industriearbeiterschaft an der allgemeinen Minderung des Einkommens keinen Anteil hat, dann muß diese Last andere Gruppen um so härter treffen. Die Gehälter der Beamten sind seit 1938 allenfalls durch Wegfall des "Brüning" (der letzten Brüningschen Gehaltskürzung) um 6 v. H. erhöht worden, Das bedeutet jedoch immer noch bei einem Preisindex von 151 eine Kürzung des Realeinkommens auf weniger als 70 v. H. des Jahres 1938. – Das Nominaleinkommen der Angestellten dürfte bei 125 v. H., ihr Verlust an Reallohn also bei etwa 20 v. H. liegen. Das schlimmste Los trifft die Rentner. Der vom Kapitalertrag lebende Rentner hat durch die Währungsreform 90 v. H. seines Einkommens verloren. Die Realbezüge aus Angestellten- und Invalidenversicherung liegen nur wenig über der Hälfte des Standes von 1938, eine Folge der Tatsache, daß sich die Zahl der nicht oder nicht mehr Arbeitsfähigen, die von den Arbeitenden mitunterhalten werden, müssen, nahezu verdoppelt hat.

Diese Verzerrung der Einkommen zwingt zu wichtigen Entscheidungen. An dem zu erwartenden Zuwachs des Nationaleinkommens – die industrielle Produktion steigt um etwa 3 v. H. monatlich – müssen vor allem die bisher Zurückgebliebenen, also Beamte, Angestellte und Rentvier beteiligt werden. Bis vor kurzem schien es noch berechtigt, die Pensionen für die vertriebenen Beamten durch eine dreiprozentige Sondersteuer der Beamtengehälter aufzubringen. Die Lohnerhöhungen der Industriearbeiter in den letzten Wochen gebieten dem Finanzminister, diesen Plan aufzugeben. Der Arbeitsminister hätte die Lohnforderungen der Bauarbeiter, die sich einen Lohnindex von über 170 und damit einen Reallohn von 110 v. H. erkämpft haben, nicht – wie geschehen – unterstützen dürfen, bevor die anderen ihm anvertrauten Gruppen ein vergleichbares Niveau erreicht haben. Entweder hat er die Zahlen nicht gekannt oder die Nerven verloren. Wir werden das teuer bezahlen müssen, da andere Gruppen der gewerblichen Arbeiter versuchen werden, dem Beispiel der Bauarbeiter zu folgen. Dagegen müssen die Löhne der Landarbeiter verbessert und die Landwirtschaft durch ausreichende Preise hierzu in Stand gesetzt werden. Die Gehälter für die schmählich behandelten ärztlichen Assistenten müssen endlich Wirklichkeit werden. Die Frage der Unterhaltszuschüsse für juristische Referendare und den Lehrernachwuchs bekommt ein neues Gesicht. Das Gehalt des Akademikers, des wirklichen Proletariers unserer Zeit, deckt längst nicht mehr die Reproduktionskosten: ein Landgerichttrat kann seine Söhne nicht mehr studieren lassen, es sei denn mit Hilfe staatlich gelenkter Stipendien. Die nicht bezahlte Ausbildungszeit im akademischen Beruf muß deshalb abgekürzt werden.

Brauchen wir also eine Instanz, die die Ansprüche der einzelnen Gruppen unseres Volkes an das Sozialprodukt schiedsrichterlich ausgleichen kann? Unsere Gesellschaftsordnung ist föderalistisch, auf die freiwillige Zusammenarbeit ihrer Glieder angewiesen. Gut organisierte Gruppen unseres Volkes können durch Drohung mit Streik die gerechten Proportionen stören. Nur eine gut unterrichtete öffentliche Meinung kann daher unberechtigten Sonderwünschen mit Erfolg entgegentreten. Vor allem mit dem Argument der steigenden Preise wird gern Mißbrauch getrieben, indem man einige Preiselemente herausgreift, das allgemeine Bild, zum Beispiel der sinkenden Kosten für die industriellen Produkte, aber, verschweigt. Hier gilt es, einen einwandfreien, klaren und jedermann zugänglichen Oberblick zu schaffen, damit der Gerechtigkeit Genüge getan werden könne. Es sollten Regierung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam mit den wissenschaftlichen Instituten für die wichtigsten Berufsstände einen Lohn-Preis-Index ausarbeiten und regelmäßig veröffentlichen. Diese Grundzahlen unseres Wirtschaftslebens sind wichtiger als Börsenkurse. Gerd Bucerius