Von Kurt Dingelstedt

Wer Gelegenheit gehabt hat, die Ausstellung französischer Bildteppiche in Hamburg und anderen Städten zu sehen, der hat erfahren, was die Malerei von der Bildwirkerei überhaupt und was die Bildwirkerei des 17. und 18. Jahrhunderts von der des Mittelalters und – des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Der Bildteppich ist kein Bild, seine Urheber haben auch nicht die Absicht, durch ihn ein Bild zu ersetzen. Und der Ausruf, den man oft genug vor solchen Wirkereien hören kann: "Das ist ja wie gemalt!", trifft genau in die falsche Richtung. Denn verglichen mit dem Bild ist der Teppich dekorativ und monumental und hat eine unmittelbare Beziehung zum Raum; verglichen mit der Wandmalerei, mit der er viel Gemeinsames hat, strömt er eine Wärme aus, hat einen dinghafteren Charakter, ist, da er hängt oder gespannt ist, also von der festen Wand degagiert ist, beweglich und gehört zur "Einrichtung" des Zimmers.

Die französischen Maler, die sich seit den dreißiger Jahren der Reformierung des Bildteppichs oder – wie wir ihn nach der altüberkommenen Überlieferung nennen – des Gobelins annehmen, vor allem Lurçat, dem die Rolle des Initiators zugefallen ist, sprechen das programmatisch: aus, und sie meiden die vielfarbige, nuancenreiche und malerische Gobelintechnik des 17. und 18. Jahrhunderts, mit der man bemüht gewesen war, eine Bildwirkung zu erreichen. Daß man sie glücklicherweise trotzdem nicht restlos erreicht hat, beruht auf den erkannten oder nicht erkannten Gesetzen, die Material und Technik auferlegen. Freilich, der Ruf nach flächigdekorativer, wandschließender Wirkung ist so neu nicht, wie die französischen Maler in ihren begeisterten Bemühungen um einen neuen Gobelinstil meinen; denn er wurde laut zuerst bei den Engländern im Kreis des William Morris und Burne-Jones am Ende des vorigen Jahrhunderts und reichte sehr bald bis nach Norwegen und Deutschland – zu einer Zeit, da die Malerei selber vom malerisch-naturnahen Stil zu einer immer abstrakteren Flächigkeit überzugehen begann.

Auch bei uns gibt es wieder gute Beispiele moderner Bildteppichweberei. Versuchen sich schon die Entwürfe dadurch auszuzeichnen, daß sie von vornherein auf die textile Wirkung abzielen, so liegt eine besondere kunsthandwerkliche Leistung in der Ausführung, die den textilen Reiz der Oberfläche hervorragend zur Geltung bringt. Dieser Reiz liegt in der Rauheit und stumpfen Wärme der verschiedenen starken Fäden und deren jeweils neuem Ansatz beim Wechsel der Farbfläche. Man erinnere sich, daß solch ein Gobelin nicht wie ein Flachgewebe gewebt wird, indem der Schußfaden von Webkante zu Webkante in einem Zug durchgeschossen wird, sondern daß er in die weitgespannte Kette nur in der Breite der jeweiligen großen oder kleinen Farbfläche hineingewirkt wird, und zwar so, daß durch den die Kette völlig bedeckenden Schußfaden eine ripsartige Wirkung entsteht. Die Mühseligkeit dieser Arbeit wird man ohne weiteres einsehen; aber mit ihr ist die Möglichkeit gegeben, den Formen des Entwurfes genau nachzugehen. Allerdings ist die Herstellung dementsprechend kostspielig.

Gemeinhin hat der Bildteppich über seinen künstlerischen Sinn hinaus seinen Zweck zu erfüllen. Er dient vor allem der Ausschmückung von Räumen. Aber Aufträge werden nur allzu selten erteilt. Die Franzosen haben recht, mit ihrer Wanderausstellung der Bildteppiche auch einen kommerziellen Zweck zu verfolgen, denn der Bildteppich ist auch ein Handelsobjekt Und kürzlich wurde im Hamburger Lichtwarkausschuß die Frage aufgeworfen, ob man bei uns nicht ein entsprechendes Ziel zu erreichen versuchen soll – mit vollem Recht!

Entlassung der verheirateten Beamtin wurde von den versammelten Juristen einmütig als Verstoß gegen die Verfassung bezeichnet. – Daß eine deutsche Frau durch Heirat mit einem Nicht-Deutschen ihre deutsche Staatsangehörigkeit verliert, ist unter den jetzigen Verhältnissen nicht mehr tragbar, allein: schon deswegen, weil die Staatsangehörigkeit heute die Voraussetzung für Arbeits- und Wohngenehmigung, also eine Existenzfrage bedeutet.

Es gab nur eine Frage, bei der die Ansichten wirklich grundsätzlich auseinandergingen: die Wahl des Familiennamens. Aus der durch das Grundgesetz statuierten bedingungslosen Gleichberechtigung von Mann und Frau würde folgen/daß bei der Eheschließung der Name des Mannes oder der der Frau oder ein Doppelname als Familienname gewählt werden könnte. Die Wahl des Mannesnamens als Familienname erwies sich aber durch Tradition und Sitte im Bewußtsein der Mehrheit so fest verankert (trotz regional vorhandenem entgegenstehendem Brauch), daß an ihm festgehalten werden soll. Hier schieden sich bemerkenswerterweise die Geister nicht nach Geschlecht oder Alter, sondern die Trennungslinie ging mitten durch die Altersklassen hindurch und schied auch die Frauen in zwei Lager.

Es sei noch einmal betont: Es geht nicht um revolutionäre Änderung von Gesetzen, die eine neue Ordnung schaffen. Diese Revolution hat das Leben längst vollzogen. Es geht nur noch darum, die bereits vollzogene Änderung und die gedankliche und empfindungsmäßige Wandlung gegenüber der Stellung der Frau im Gesetz zum Ausdruck zu bringen. Darum bemühte sich das juristische Gremium in Frankfurt. Harmonie und verständnisvolle Zusammenarbeit von Frauen und Männern, wie sie dabei zutage trat, lassen hoffen, daß auch die Gesetzgeber zu einer dem harmonischen Zusammenleben der Geschlechter in der Familie und als Bürger eines Staates dienenden Regelung kommen werden. Man braucht dabei nicht unbedingt so weit zu gehen wie der humorvolle Ausspruch eines Tagungsteilnehmers: "Ich bin für eine gemäßigte Gleichberechtigung des Mannes!"