Auf die Waage der Bismarck-Interpretation des letzten Jahrzehnts ist ein neues Gewicht gelegt worden, das zwar keine schweren Argumente aufwiegt, aber doch als positiv gewertet werden muß. Denn es läßt den vielfältig Angegriffenen und auch im Lob oft Mißverstandenen selbst sprechen. Daß diesen Versuch auf wenigen hundert Seiten ein Amerikaner österreichischer Herkunft unternommen hat, sollte in Deutschland ruhig beschämend wirken, nicht zuletzt, weil Robert Ingrim in Bismarck den letzten großen europäischen Staatsmann sieht, dessen Maximen zu beherzigen, er nicht etwa nur deutschen Politikern zur Pflicht macht. Bismarck summarisch als Lehrmeister hinzustellen, mutet bei den nachweislichen Schwächen besonders seiner Innenpolitik unkritisch an, doch muß den einleitenden Worten Ingrims die Verve zugute gehalten werden, mit der er sich gegen die verzerrten Bismarck-Bilder der Gegenwärt wehrt. Die rund tausend Zitate aus Reden, Dokumentensammlungen und Briefen ("Bismarck selbst", Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 306 Seiten, DM 7,20) sind denn auch vorwiegend außenpolitischen Charakters. Sie können und wollen in ihrer losen Gruppierung zu verschiedenen Komplexen nichts anderes sein als Schlaglichter und Aphorismen der Staatskunst, die den Eingeführten orientieren, dem Uneingeweihten allerdings nur Bruchstücke bieten.

Bismarck selbst spricht auch aus einer kleinen Schrift, die Reinhold von Thadden-Trieglaff im Furche-Verlag, (Hamburg und Berlin) erscheinen ließ. So sehr treffen die Worte, die die Atmosphäre im Gutshaus der pommerschen Familie Thadden schildern, die innere Wandlung Bismarcks zu Anfang der vierziger Jahre in diesem vom Pietismus getragenen Freundeskreis. "War Bismarck ein Christ Diese Frage wird nicht nur mit klugem Einfühlungsvermögen in die Psyche des allem Grundsätzlichen abholden Politikers beantwortet, sondern auch mit dem Verständnis des offen bekennenden Christen für den unkirchlich Gläubigen. Gerade in dem privatisierten Christentum Bismarcks als einer allgemeinen Erscheinung seines Jahrhunderts sieht Thadden-Triglaff aber eine der Verhängnisvollen Ursachen, die zur Krisis unserer Tage geführt haben. Die fruchtbare Kritik würdigt den Staatsmann nicht minder, als es die von Ingrim ausgewählten Zeugnisse tun, deren eines aus dem Jahre 1869 mehr an Erkenntnis aussagt, als man heute Bismarck gemeinhin zugestehen will: "Mein Einfluß auf die Ereignisse, die mich getragen haben, wird zwar wesentlich überschätzt, aber doch wird mir gewiß keiner zumuten, Geschichte zu machen... Die Geschichte können wir nicht machen, sondern nur abwarten, daß sie sich vollzieht." H. S.