Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, im Oktober

Ein Freund sagte von Cripps: "Er weiß öfter als es ihm gut tut, daß er recht hat!" Hier liegt die Tragik des brillant begabten Mannes, der als Christ ein Sozialist wurde, der lange Zeit ehrlich glaubte, der Kommunismus werde die Erfüllung des christlichen Sozialismus bringen, der der Menschheit so wohl will und den einzelnen Menschen kaum je recht begreift. Cripps hat wirklich zu oft recht gehabt – und so selten recht behalten.

"Ich habe ein müdes Herz, sonst fehlt mir nichts!" erklärte Sir Stafford Cripps den Journalisten, nachdem er seinen Wählern in Bristol den ärztlich angeordneten Rückzug nicht nur vom Schatzamt und aus der Regierung, sondern auch aus dem Unterhaus und überhaupt aus dem öffentlichen Leben für mindestens ein Jahr mitgeteilt hatte. Man hat in der Tat das Gefühl, daß sein Intellekt die Wärme seines Herzens neutralisiert hat. Cripps hat sich selbst nie geschont, weder körperlich noch geistig. Er hat seiner jeweiligen Überzeugung konsequent gelebt, unberührt davon, ob sie ihn von Ramsay MacDonald trennte, als dieser seine Nationalregierung bildete, gleichgültig ob sie ihn aus der Labour Party wegen seiner Volksfront-Forderungen vertrieb oder ob sie ihn umgekehrt als Botschafter in Moskau zum Schmied der britisch-sowjetischen Allianz, als Sonderbotschafter in Delhi zum Wegbereiter der indischen Selbständigkeit oder als Nachkriegs-Schatzkanzler zum Prediger der Austerity machte. Gandhi erkannte diese "echte Größe" von Cripps – aber er beklagte zugleich den "Mangel an Demut in seinem Herzen"...

Kein Zweifel, Cripps war als Schatzkanzler – wie früher als erfolgreicher Rechtsanwalt – an Logik nicht zu überbieten. Doch fand er nie den Weg zu den Herzen der Engländer. Er blieb ihnen fremd, ob er nun lange vor Morgengrauen an die Arbeit ging, sich alle nur erdenklichen Entbehrungen auferlegte, ob er ehrlich um eine folgerichtige Wirtschaftspolitik rang oder mit dem Verstand zum aktiven, erfolgreichen Christen werden wollte. Innerlich war Cripps schon vor dreizehn Monaten zurückgetreten, als die Ereignisse ihm die Pfund-Abwertung aufzwangen.

Englands Dollar-Börse füllt sich, Englands Pfund-Börse füllt sich, man braucht keine Arbeitslosigkeit zu fürchten und man kann wieder auf Amerikas Hilfe bauen, die vor der Abwertung zweifelhaft geworden war. Und doch weiß Cripps, daß es ihm nicht gelungen ist, die Engländer dahin zu bringen, wohin sie, seiner festen Überzeugung nach, kommen müssen, zu einer begeisterten Arbeitsfreude, zu einem freiwilligen Sozialismus, der sich nicht nur in freien staatlichen Sozialdiensten manifestiert, sondern auch in privaten Opfern.

Wird Hugh Gaitskell die Arbeit dort aufnehmen, wo Cripps sie niederlegt? Vom Verstände und der Ausbildung her müßte man es erwarten. Gaitskell, ein heller Wirtschaftswissenschaftler, weiß genau, wie sehr Cripps recht hat. Politische Gegner von Cripps wittern daher bereits, daß die Gaitskell-Politik nur gewissermaßen "der Durchschlag" der Cripps-Politik sein werde. Der Mensch Gaitskell aber ist das Gegenteil von Cripps. Er sieht wie jener die Logik für die Menschheit, doch interessiert er sich für den einzelnen Menschen, für die einzelne Aufgabe. Als Bergbauminister hat er zwar keine beachtlichen Erfolge bei der Verbesserung der englischen Kohlenproduktion aufzuweisen, aber er hat sich – als Sohn eines höheren Beamten im Indien-Dienst und als Akademiker – die Sympathien der Bergarbeiter erworben.

"Ein so junger Schatzkanzler von 44 Jahren müßte sehr viel härter sein", sagt man bereits in London. Gaitskell steht nämlich vor der Aufgabe, die Inflation in England, die Cripps nicht aufhalten konnte, wenigstens einzudämmen und ihr einen geordneten Lauf zu geben. Gaitskell bringt jenen spezifisch englischen Charme mit, der sich "in einem langsamen, fast zögernden Lächeln ausdrückt". Das wird ihm die Nachsicht der Öffentlichkeit – und seiner soviel älteren, soviel erfahreneren Kabinettskollegen im "inneren Kreis" – für längere Zeit sichern. Aber ob der Charme von Gaitskell das erreichen wird, was die Askese von Cripps nicht vermochte? Ob es Gaitskell gelingen wird, die Labour-Minister zur Sparsamkeit zu zwingen und die Öffentlichkeit zu größerer Leistung anzuspornen?