Von Max Salzberg

Es war kein Fehdehandschuh, obgleich es damals in meiner Vaterstadt sehr viele streit- und händelsuchende Ritter gab. Lagen doch damals nicht weniger als vier Regimenter bei uns; unzählige Leutnants schwärmten, geschniegelt und gestriegelt, in ihren glänzenden Uniformen durch die Gassen, ließen ihre blanken Achselstücke, Orden und Knöpfe in der Sonne leuchten, um damit den jungen Mädchen zu imponieren und ihnen den Kopf zu verdrehen.

Der Handschuh, von dem ich jetzt berichte, war aus Eisen und von einer Form, die ihn nicht von jedem leicht als solchen hat erkennen lassen: am Ende eines plumpen, plattgedrückten Zylinders, der eine Hand darstellen sollte, waren fünf schmutzige, eiserne Röhren eingelassen, ungleich in ihrer Länge, wie die verschiedenen Finger, der längste in der Mitte und der dickste seitlich. Das Ganze hing an einem rostigen und verbogenen Eisenstab über der Eingangstür des Räb Leiser, meines Freundes Nissens Vater, und zeigte an, daß "hier in kürzester Zeit und für geringes Geld Handschuhe aller Art gewaschen, gebügelt und repariert" wurden.

Wie und was auch die andern über das Ansehen und die Beschaffenheit dieses Reklamestücks denken mochten, für mich und meinen Freund Nissen war er ein Handschuh. An dem Ende der Röhren konnten wir beide noch Spuren von Farbe erkennen, die einst die Fingernägel dargestellt hatten; oberhalb des Zylinders sahen wir noch den Spitzenkranz aufgemalt, der den Abschluß eines Ärmels angedeutet hatte. Ja, es war ein Handschuh, und er hatte große Anziehungskraft für uns Jungens, vielleicht noch mehr als für diejenigen, die er im Interesse des Gewerbes wirklich heranziehen sollte.

Wir standen oft davor und schauten lange zu, wie er im Winde plump schaukelte, hörten auf sein heiseres, blechernes Knarren, wenn er im Sturm an der Eisenstange zerrte.

Wir hatten auch unser Geheimnis mit dem Handschuh, ein Geheimnis zu dritt: wenn nach anhaltendem Regen die Sonne wieder auf ihn schien, ließ er dicke, braune, klebrige Tropfen in unregelmäßigen Abständen fallen. Es amüsierte uns, das Verhalten der Menschen zu beobachten, wenn vom hellen Himmel der Tropfen auf ihren. Kopf, Bart oder in ihren Halskragen fiel. Der feine sprang zur Seite, der andere beugte sich vornüber, und alle schauten sie wütend aufwärts und schimpften laut oder mit verhaltenem Zorn, ohne doch genau zu wissen, woher der braune Segen gekommen war.

Auch an jenem verhängnisvollen Morgen standen wir davor; es war der letzte Tag des Passahfestes. Die Eisschmelze, die Frühlingsregen waren vorüber, die Sonne schien hell und warm vom wolkenlosen Himmel.