In der indischen Universitätsstadt Lucknow fand, von der übrigen Welt fast unbemerkt, in der Zeit vom 3. bis 14. Oktober die XI. Internationale Konferenz des Instituts für pazifische Angelegenheiten statt, an der etwa 100 Delegierte aus 16 verschiedenen Ländern Asiens, Europas, Amerikas und Australiens teilnahmen. Die einzige offizielle Rede, die gehalten wurde, war die Eröffnungsansprache des indischen Ministerpräsidenten Pandit Nehru über "Die militärische Mentalität und ihren Anteil an den geschichtlichen Problemen". "Wenn eine Nation eine militärische Mentalität entwickelt", so sprach der Premierminister von 400 Millionen Menschen, "dann gibt es für sie keine Hoffnung mehr."

Von den zahlreichen am Runden Tisch geführten Gesprächen war das über den "Kommunismus in Asien" am aufschlußreichsten. Es gab einen Überblick über Art und Umfang der kommunistischen Bewegung auf dem asiatischen Kontinent. An erster Stelle stand hier die Debatte über die Volksrepublik China, in der sich folgende überraschende Übereinstimmung bei den asiatischen Delegierten ergab: Welcher Art auch der Kommunismus in China sein mag, er hat eine tatkräftige und wirksame Regierung geschaffen. Zwar bestanden Unklarheiten über die zukünftige Entwicklung in Richtung Stalinismus oder Titoismus, doch war man sich darüber einig, daß eine scharfe Opposition des Westens die Regierung Mao Tse Tang notgedrungen zu einem stalinistischen Kurs treiben würde. – In Japan, so stellte man fest, vollzieht sich eine Stärkung der liberalen rechten Parteien und der Sozialdemokratie auf Kosten der Kommunisten und der kleinen Parteien. – Die kommunistische Bewegung der Huks auf den Philippinen, die von etwa 150 000 Mitläufern unterstützt wird, hat ihre Wurzeln in dem ungelösten Problem der Agrarreform. Während in Indochina die von Frankreich abhängige Regierung Bao Dai etwa 60 v. H. des Gebietes von Vietnam beherrscht, ist die tatsächliche Unterstützung dieser Regierung durch die Bevölkerung erheblich geringer. Bao Dai gilt als ein Verschwender, der sein Land in der kritischsten Zeit im Stich ließ. – In Burma lastet auf der sozialistischen Regierung Thakin Nu der Druck von mehr als 10 000 gut bewaffneten Kommunisten. Die Zahl der in Malaya kämpfenden Kommunisten, die sich ausschließlich aus Chinesen zusammensetzen, beträgt nicht mehr als 2000 Mann. Die geringe Zahl der Kommunisten, in Indonesien spielt um so weniger eine Rolle, als sie untereinander uneinig sind. Die in Thailand lebenden drei Millionen Chinesen haben sich inoffiziell auf die Seite Pekings gestellt; sie sind aber durch ihre Geschäfte zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie auf die Politik ihres Gastlandes einen Einfluß ausüben könnten. In Indien liegt die Gefahr weniger in der Anziehungskraft der kommunistischen Ideologie, als vielmehr in dem möglichen Aufstand von Millionen verzweifelter, hungriger Menschen. In Pakistan gibt es einige kommunistische Untergrundgruppen, aber keine gut organisierte Partei. Die kommunistische Bewegung auf Ceylon spielt in dem politischen Leben der Insel keine Rolle. Zwar sind von den 23 Abgeordneten der Opposition im Parlament 22 Kommunisten, von denen aber nur Zwei der Stalinistischen Richtung angehören.

Die Anstrengungen, die die Sowjetunion (die – wie Rotchina – nach Lucknow keinen Vertreter gesandt hatte) zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse ihrer Völker macht, werden in den asiatischen Ländern, die vor ähnlichen Problemen stehen, mit besonderer Anteilnahme verfolgt. Russische Einmischung in die internen Angelegenheiten anderer Länder werden ebenso leidenschaftlich abgelehnt wie jegliche Unterdrückung der individuellen Freiheit. Die sich hieraus ergebenden Befürchtungen sind so stark, daß die asiatischen Länder nur dann auf eine wirtschaftliche und technische Hilfe der Russen zurückgreifen würden, wenn die Annahme einer angebotenen Hilfe der westlichen Demokratien, insbesondere Amerikas, durch politische Bedingungen unmöglich gemacht werden sollte.

Nahezu alle asiatischen Staaten befinden sich nach den Ausführungen ihrer Delegierten wirtschaftlich in einer sehr schlechten Lage. Die Produktion nimmt ab, während die Bevölkerung sich vermehrt. Bei steigenden Importen fällt der Export. Experimente sozialistischer Regierungen vermehren die wirtschaftliche und soziale Not in ihren Ländern. Die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Hilfe durch die Vereinigten Staaten wurde allseits als wünschenswert und dinglich anerkannt, wobei eine Summe von 500 Millionen Dollars im Jahr als ausreichend betrachtet wurde, um Südasien wirtschaftlich auf die Füße zu stellen. Allerdings ergaben sich auch sofort bei den Delegierten der asiatischen Länder Befürchtungen, daß durch die Annahme einer Hilfe die erst vor kurzem gewonnene Souveränität aufs Spiel gesetzt werden könne. Die lang diskutierte Frage, ob Asien einen Marshall-Plan begrüßen würde, führte zu ernsten Bedenken vornehmlich der indischen und pakistanischen Vertreter, die sich darauf versteiften, durch einen Marshall-Plan könne der Weg zu einem Druck auf die Außenpolitik der Länder frei gemacht und ihnen Verpflichtungen auferlegt werden, die sie schließlich gegen ihren Willen in einen Krieg gegen die Sowjetunion verwickeln würden.

Hinzu kommt ein tief wurzelndes Mißtrauen gegen Ziele und Absichten der Asienpolitik Washingtons, des nach Auffassung der Mehrheit der asiatischen Konferenzteilnehmer beabsichtige, den Krieg gegen die Sowjetunion auf asiatischem Boden zu führen. So hätten die Vereinigten Staaten nur aus eigenem strategischen Interesse die UNO veranlaßt, in Korea schnell zu handein. Da, wo ein solches Interesse nicht vorliege, wie zum Beispiel in Kaschmir, hätte Washington sich gleichgültig verhalten. Diese an die Adresse der Vereinigten Staaten gerichtete Kritik wurde ergänzt durch andere, gegen die westlichen Kolonialmächte erhobene Vorwürfe, die sich auf rassische Diskriminierung, die Aufrechterhaltung ihrer Kolonialmacht in Südostasien, eine Bedrohung durch wirtschaftliche Beherrschung als neuer Form eines Imperialismus und schließlich auf eine Zusammenarbeit mit volksfremden. reaktionären Kreisen in Asien konzentrierten.

Die Konferenz dieser inoffiziellen Vertreter in Lucknow (es waren Akademiker, Journalisten und Kaufleute, die durch keine offizielle Sprachregelung ihrer Regierungen gebunden waren) hat weniger zu einer Verständigung zwischen Asien und dem Westen als vielmehr zu einer Klarstellung der bestehenden Gegensätze und ihrer Hintergründe beigetragen. Ihre weltpolitische Bedeutung liegt darin, daß sie ein Barometer für die Stimmung der durch eine überraschende Solidarität verbundenen asiatischen Staaten war, an der die Westmächte nicht achtlos vorübergehen können. Ernst Krüger